ORNUNG
MUSS SEIN,
sprach der ANARSCHIST...

Eine Reise zum Dichter Günter Bruno Fuchs und zurück
unternommen von Thomas
Propp im Jahre 1981
ISBN 3-924253-10-2
(vergriffen)
4.4 Schlüssel für die Quellen zur Biografie
5 STREIFZUG DURCH
DAS LITERARISCHE WERK ... acht
Motivkreise
5.2.2 ... mit Hilfe des Geschmackes
5.3.2 Parkwächter, Bahnwärter und andere Dienstkräfte
5.3.7 Pennermilieu und Alkohol
5.3.8 Polizisten und Gendarmen
6 AKTUALISIERENDE
ANEIGNUNG UND SCHLUSS
Es ist wohl eine Illusion zu
glauben, man könne das Leben und das Werk eines Menschen beschreiben. Nicht nur
die Menge und die Art dessen, was ich über etwas weiß, beeinflussen mein Ergebnis,
auch der Charakter der Zeit, Erfordernisse und Methoden ganz spezifischer
Umgangsformen und ganz spezielle Neugierden sind mit im Spiel. Im räumlichen,
historischen und kulturellen Gefüge stehe außerdem auch ich, der Beobachter mit
einer eigenen Biografie, eigenen Vorlieben und ja auch Ängsten.
Meinem
Untersuchungsgegenstand - einem Menschen – "gerecht" zu werden, indem
ich ihn nicht verkenne, erscheint mir in so großem Maße unmöglich, dass ich
solche moralische Verpflichtung von vornherein von mir weisen will.
Auslassungen, Überbetonungen, überzeugt Hinzugefügtes werden sich zu einer Lüge
verdichten, die den Namen eines Toten tragen wird, der sich nicht wehrt. Das
ist ein altes Problem - ich leide darunter nicht sehr.
Es liegt mir nicht daran, als
objektive Wissenschaft auszugeben, was zwangsläufig Züge einer
"Autobiografie" und "lokaler zeitgenössischer Folklore unserer
Gesellschaft"[1]
tragen muss. Ich denke, hinter peinlich gewissenhaft und hübsch säuberlich
quantifizierender Methodologie verbirgt sich nur zu leicht der utopische
Versuch, einen Gegenstand aus der fließenden Bewegung lebendiger Zusammenhänge
in ein mit großer Anstrengung drainiertes Feld scheinbar gesicherter Erkenntnis
zu rammen.
Günter Bruno Fuchs ist gleich
der Summe der Wahrnehmungen, die er bei seinen Zeitgenossen und deren Nachkommen
verursacht hat, verursachen wird, verursachen kann und noch mehr: er selbst.
Er selbst ist tot.
Wahrnehmungen von ihm gibt es viele, und die zu suchen habe ich mich aufgemacht
zu Freunden, Verwandten, Bekannten von ihm und mir. Keine dieser Wahrnehmungen
ist unvoreingenommen. Günter Bruno Fuchs war nicht unvoreingenommen (wollte es
gar nicht sein), wer ihn kannte oder kennen lernt, ist nicht unvoreingenommen,
was diese sagen, nehme ich voreingenommen wahr und gebe es an einen
voreingenommenen Leser weiter.
Dies alles scheint mir nur
dann das Dilemma zu sein, welches es zu sein scheint, wenn ich versuche, es zu
leugnen, wenn ich so tue, als hätten wir es nur mit dem Dichter selbst zu tun
(nicht zuletzt war er ja auch noch Holzschneider, Vater, Sohn, guter Geist und
vieles mehr). Georges Devereux meint sogar, dass man "sich die aller
Beobachtung inhärente Subjektivität als den Königsweg zu einer eher
authentischen als fiktiven Objektivität dienstbar machen" kann und muss,
will man "eine Quelle unkontrollierter und unkontrollierbarer
Irrtümer"[2] vermeiden.
Im
Bewusstsein solcher Voraussetzung habe ich versucht, die affektiven
Zusammenhänge sowohl meiner "Informationsgewinnung" wie auch ihrer
Verarbeitung durch mich nicht zu kürzen über und unter den Bruchstrichen,
sondern sie zu benennen und auszuführen soweit mir das möglich war, und
manchmal auch Schlüsse zu ziehen aus ihrer jeweiligen Form.
So
könnte es geschehen, dass ein Leser oder eine Leserin inmitten subjektiver
Betroffenheiten seine/ihre eigene entdeckt, und sich einer Verstrickung mit den
Themen dieses Dichters bewusst wird.
Mit
nichts anderem ist ihm - so glaube ich - besser gedient.
Auch
die Vollständigkeit meiner Darstellung unterliegt natürlich Grenzen
verschiedener Art - nicht zuletzt denen meiner Arbeitsökonomie. Im Verlauf der
mit den Bekannten von Günter Bruno Fuchs (im Folgenden will ich ihn - wie er
sich selbst - mit "GBF" abkürzen) gemachten Interviews häuften sich
Tipps und viel versprechende Vorschläge zum Weiterforschen.
Da
es nun aber doch sowieso nicht möglich ist, wirklich erschöpfend (es sei denn,
im Sinne von "ermüdend") ein literarisches Werk, geschweige denn
einen Menschen darzustellen, bin: ich ganz froh, dass meiner Beschreibung noch
etwas von dem Bruchstückhaften und Zufälligen anzusehen ist, das auch die
ausführlichste Bearbeitung, wenn sie es nicht benennt, nur verschleiern kann.
Abb. 0

Abb. 1
Totenrede
Ilja Schimpanski -
Degenschlucker seit undenklichen Zeiten -
Ilja starb im Gitter der Eisenbahnsperre,
die Schranken tragen sein
weißrotes Kostüm.
Wer ihn je gesehen hat,
wie er zum täglichen Frühstück
Dolche mit kurzen gedrungenen Klingen
Hieb- und Stichwaffen
Morgensterne und Hellebarden
und neuerdings sogar
Maschinengewehre
verschlang,
wird ermessen können
was seinen Nachfolgern bevorsteht. (Lsb, S. 98)[3]

Abb. 2
Günter Bruno Fuchs wurde am
3. Juli 1928 in Berlin-Kreuzberg geboren, wuchs in die Kriegswirren hinein, überstand
den Fronteinsatz als Sechzehnjähriger, lernte noch dies und das, fuhr hierhin und
dorthin, entschloss sich zu schreiben und Holz zu schneiden, heiratete einmal,
zweimal, wohnte überwiegend bei seiner Mutter, aß und trank zu viel und starb
am 19. April 1977, knapp achtundvierzigjährig in Berlin.
Ein Freund von mir hörte Mitte
der 70er Jahre ein Hörspiel von GBF im Radio, und da er den Namen des Autors in
der Schule nie gehört hatte, kaufte er sich ein Buch von diesem Mann, welches
er mir kurz darauf auch zu lesen gab.
Wahrscheinlich war es das
Taschenbuch "Ratten werden verschenkt", ein Sammelband, 1974 im
Ullstein-Verlag erschienen. Viel später werde ich lesen, wie GBF den in einem
"beachtlichen Oster-Ei aus Plexiglas" sitzenden Pförtner des
Ullstein-Hauses beschreibt, wie dieser ihn anschaut, den "regennassen
Besucher, der sich dem Fahrstuhlknopf (durch wiederholtes Drücken) widmet."[4]
Ich habe dann später in einem
Ramsch-Verkauf das "Lesebuch des Günter Bruno Fuchs" erstanden, und
die Leselust an diesem Buch überlebte ganz verschiedene Begeisterungen für
romantische, bürgerliche, revolutionäre Dichter, Romanschreiber und Philosophen.
Immer wieder tauchte - beharrlich und unregelmäßig - das dicke, gelbe, sauber
gedruckte Buch im Schutzumschlag zwischen all den anderen auf.
Abb. 3
Die Texte von GBF besaßen für
mich von Anfang an etwas Subversives.
19
Die
Obrigkeit
warf
ihr letztes Auge
auf uns. Nun
tappt
sie
vollends im Dunkeln.
Das hat mir gleich gefallen -
hätte mich aber sicher auch bald wieder losgelassen, stünde nicht darunter:
20
Hinterm
Ofen sitzt ein Tier,
das bleibt hier.
oder:
21
Die
Häuser
sind alle aus Schatten gemacht.
0 mein Chamisso! Man trägt wieder
Schlemihl.
und:
22
Nun
besten Dank -
leb wohl
und angenehme Ruh!
Er
vermacht der Welt
seine Aktentasche mit Buntpapier
und geht
auf
Zehenspitzen
langsam über die endlose Chaussee. (Lsb, S, 125)
Ich verstehe da zunächst
nicht viel, und doch hält es mich ganz eigenartig fest. Irgendwo lebte GBF
immer weiter: subcutan und subversiv[5]
Subversiv nicht nur in Solidarität gegen einige, von mir als feindlich erlebte
Teile der Außenwelt, sondern subversiv auch gegen mich selbst. Sie bekamen
Widerhaken, indem die Gedichte mich, den Leser auch angriffen, in welchem ganz
verborgene, in der Vergangenheit mühsam gedämpfte Saiten da wieder zu klingen
begannen, begrabene Wünsche wieder wollten wünschen dürfen:
Geschichte von der Ankunft des Großen Unordentlichen
in einer ordentlichen Zeit
Sein
Aufzug war zweifellos originell. Wer unternimmt schon etwas gegen ein artiges
Hinterteil, klug bemalt mit hübschen Portraits unserer Landesregierung? Wer
etwas (bimm-bamm) gegen das Heraushängenlassen läutender Eier zum offenen
Portal dieser (oder sagen wir mal) jener Hose vielleicht? Wer etwas gegen den
lustigen Piephahn, der sich handhaben lässt wie eine Kasperlepuppe und Spaß
bereitet bei Groß und Klein? (Sauereien, die wir lieben und schätzen. Täglich
könnte uns jemand besuchen wie dieser. Nur kämmen sollte er sich, sein Haar
sollte gepflegt sein, das Haar ist die Visitenkarte des Menschen.).
(Lsb. S. 268)
Das befremdete mich zunächst
doch etwas. Exhibitionisten stellen kleinen Mädchen nach - dachte ich schaudernd.
Und doch schauderte mir
zugleich auch vor mir selbst, vor meinem Schaudern gegenüber einer Lust, die
ich auch einmal gekannt haben musste. Ich komme um den Gedanken nicht herum,
dass vielleicht schon mit dem Kämmen meines Haares eine Rigidität gegenüber dem
Körper beginnt, die dem kleinen Thomas nur unter Schmerzen anerzogen wurde, bis
er endlich nicht mehr sagen konnte: Guckt mal, was ich da habe: bimm-bamm. -
Dies nur einmal als ausgefallenes Beispiel.
"Häufig verhandelt Kunst
unterprivilegierte Gegenstände", schreibt Lienhard Wawrzyn[6],
"geheime Knappheiten", "Gegenstände, die sonst heimatlos
sind", sie trägt bei zur "öffentlichen Kommunikation von nicht
zugelassenen Bedürfnissen", wenn sie subversiv ist. - Das war und ist GBF
für mich.
So reizte es mich, Günter
Bruno Fuchs nachzustellen, ihn zu belauern, zu belauschen an verschiedenen
Orten, zu verschiedenen Zeiten.
Abb. 4
Einige Hinweise aus
Klappentexten machten mich neugierig auf seine Biographie. Ein ganz und gar
chaotisches Leben schien da hinter diesem Werk zu stecken. Die einzige
Möglichkeit, Genaueres über ihn zu erfahren, bestand für mich darin, seine
Freunde, Bekannten und Verwandten zu besuchen. Was die Umschlagseiten seiner
Bücher über ihn verrieten, reichte längst nicht aus zur Beantwortung meiner
Fragen: Wer war er eigentlich? Wie meinte er das? Warum schreibt der das so?
Was steckt dahinter?
Im Verlauf meiner dann
folgenden Recherchen ergab sich durchaus kein einheitliches Bild dieses
Menschen, sondern - wie sollte es anders sein? - jeder zeigte mir seinen Fuchs, Günter oder Günter Bruno.
Diese Einzeldarstellungen auf ein rundes, geschlossenes Bild zu reduzieren,
erscheint mir weder nötig noch wünschenswert. Andererseits ist wohl auch ein
Interesse berechtigt, das sich eine durchgehende, nicht immer wieder zerfaserte
Lebensbeschreibung wünscht.
Ich habe daher an den Anfang
der Arbeit eine etwas gekürzte Fassung der Interviews gestellt, die - wie ich
meine - spannender zu lesen sind und mehr über GBF aussagen, als der Rest
meiner Darstellung.
Danach habe ich versucht,
eine geschlossenere Biographie zusammenzustellen, die die Informationen aus den
Interviews mit denen aus anderen mir verfügbaren Quellen zusammen fasst und
interpretiert. Hier eingearbeitet ist auch ein Längsschnitt durch die schriftstellerische Arbeit von GBF zusammen
mit Verweisen auf die jeweilige Rezeption und Rezension.
Nach einigen Gedanken über
die spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten von Dichtung - speziell auch
dieser -, folgt dann ein Querschnitt durch GBFs Werk, welcher die im
Längsschnitt festgestellten Entwicklungen in Form und Inhalt weitgehend unterschlägt
zugunsten der Verfolgung einzelner Motive und Themen durch ganz verschiedene
Schaffensbereiche und -zeiten. Während sowohl die eine wie die andere
Darstellungsweise blinde Flecken aufweist, Trübungen ihrer einmal dynamischen,
dann statischeren Optik, ergibt sich vielleicht in einem fiktiven
Kreuzungspunkt dieser Linien das genauest mögliche Verständnis.
Den Schluss bildet der
Versuch einer aktualisierenden Aneignung spezieller Themen von GBF.
Ich werde mich hüten vor dem
vorschnellen Aufziehen der Schubladen moderner Epochen- und Subepochensysteme,
überhaupt vorhandener Kategorien und Klassifizierungen. Abgesehen davon, dass
GBF einen sehr unverwechselbaren Stil geschrieben hat, er sich so leicht auch
gar nicht "einordnen" lässt, denke ich wirklich, dass Kriterien zur
Beurteilung eines Gegenstandes nur in und während einer Auseinandersetzung mit
diesem einzelnen ihre jeweils gültige Form gewinnen können. Ich befürchte, wenn
ich ein unvermitteltes Raster aus Vorverständnissen von Literatur-Epochen,
-Tendenzen, -Hauptwidersprüchen usw. über mein "Material" stülpe,
könnte ich leicht mit einer Wiederfindungstheorie niederkommen, die überhaupt
verhindert, dass ich in einem Text - der ja ein eigenständiges historisches
Dokument ist - etwas für mich Neues entdecke. Ich möchte dagegen aus der
sinnlichen Teilnahme an seinen eigenen Bewegungen selbst mein Verständnis von
ihm, seinem Anliegen, seiner Zeit und deren Bedeutung für mich spüren lernen.
Goethe ist mein Zeuge: Er lässt seinen Wilhelm Meister sagen, dass "die
Aussprüche des Verstandes eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmten
Falle gelten, und schon unrichtig werden, wenn man sie auf den nächsten
anwendet."[7] Peter
Schneider schreibt über seinen Lenz: "Was er sah, wollte er nicht so
schnell in Begriffe auflösen, nicht gleich den Punkt erreichen, wo man nur noch
das Wesen der Dinge, aber nicht mehr die Außenseite sah."[8]
- So geht es mir.
Natürlich kann und will ich
nicht voraussetzungslos an Literatur herangehen. Das "Durchbeißen"
durch eine Reihe literaturwissenschaftlicher Ansätze mit so gut oder so
schlecht klingenden Namen wie "positivistisch", "strukturalistisch",
"hermeneutisch", "historisch-materialistisch" oder auch
"psychoanalytisch" und wie sie alle heißen, ist nicht spurlos an mir
vorübergegangen. Es sollte sich in meinem Kopf ein Konglomerat von
Möglichkeiten befinden, sozusagen ein Werkzeugschrank, in dem die verschiedenen
Geräte mehr oder weniger ordentlich aufgehängt sind - griffbereit zu etwaiger
Benutzung.
Indem ich meinen Gegenstand
ansehe, bin ich schon eingedenk der Gerätschaften, die mir zur Verfügung
stehen. Was ich jedoch nicht will, ist: gleich ein ganz bestimmtes Handwerkzeug
nehmen und - um im Bilde zu bleiben - damit auf mein Werkstück losgehen. Ich
könnte so übersehen, dass einige Werkzeuge noch modifiziert werden müssen,
damit sie passen, oder gar, dass noch ganz neue hergestellt zu werden haben.
Die Methoden sollten in ein Gespräch mit ihrem Gegenstand treten können und auf
diese Weise eine dynamischere Adaption ermöglichen.
Mein Wunsch nach einer
flexiblen Handhabung der Mittel wird weiter verständlich, wenn man sich vor
Augen hält - und hier muss ich wohl mein Bild von Schraube und Schlüssel
sprengen -, dass es sich bei Literatur und erst recht bei dem Leben eines
Menschen nicht um einen Klotz aus Eisen mit festen, nur so und nicht anders abzumessenden
Konturen handelt (dieser Täuschung ist m. E. ein großer Haufen von
Literaturtheorie aufgesessen), sondern - und das wird gerade in den Interviews
deutlich - um ein recht amorphes, oft nebulöses und von jedem anders
beurteiltes "Objekt" (Entschuldige GBF!), wobei jede dieser
Beurteilungen - das ist jetzt meine Unterstellung - auch zu einem Teil Recht
hat: nämlich ihr Recht.
Die Frage nach den Gründen
einer subjektiven, ja in der Praxis sicher oft intuitiven Wahl des
Handwerkzeuges, der Methode, ist meiner Ansicht nach nicht zu beantworten ohne
die Berücksichtigung der Kategorie des Interesses.
Gerade bei den Interpreten,
die sich ganz der Anwendung ein und derselben Methode verschrieben haben, wird
deutlich, dass sie dies gemäß ihrer eigenen Interessen taten. Ich denke, dass
zum Beispiel ein orthodoxer Marxist seinen Gegenstand ganz seinem
teleologischen Interesse an einer proletarischen Umwälzung der Gesellschaft
unterwirft, genauso wie ein Bilderbuch-Positivist nie von seinem Interesse
abgehen wird, jedes Thema so zu behandeln, als könne es mit quantifizierenden
Methoden am zutreffendsten beschrieben werden.
Ich kann nun nicht leugnen,
dass auch meine Wahlen der jeweiligen Betrachtungsweisen sich weitgehend nach
meiner Optik, meinen Interessen ausrichten werden. Wenn ich diese Subjektivität
nun jedoch nicht verdecken, sondern deutlich werden lassen will, komme ich
nicht umhin, diese meine Subjektivität auch als solche darzustellen. Das hat
Folgen für die Form der Arbeit: Sie ist sehr Ich-bezogen geschrieben (Im
Vorwort habe ich mich schon auf etwas anderer Ebene bemüht, das zu
rechtfertigen). Ich muss sagen, sie sind mir peinlich, diese vielen
"ich"s und besitzanzeigenden Fürwörter der ersten Person; sie
erscheinen mir jedoch als der einzige Weg zu einem ehrlichen Umgang mit meinem
Thema.

Die Auswahl meiner
Informanten ist sehr vom Zufall "bestimmt gewesen. Einem
Ausstellungskatalog zur Erinnerung an die Gründung der zinke (1959), einer Galerie, deren Mitbegründer GBF war[9],
nennt viele seiner Freunde und Bekannten.
Die meisten wohnen in Berlin.
Ich fahre da hin. Robert Wolfgang Schnell, Lyriker, einer der engsten Freunde
von GBF, schreibt, er liege "sehr intensiv" im Krankenhaus und könne
daher nicht dienen. Auch Rolf Haufs, Lyriker und Redakteur beim Rundfunk, ist
krank. Ich bekomme Angst, die Teilnehmer an Günter Brunos ausschweifendem Leben
müssten Jetzt alle langsam siechen und welken.
Ich erhalte trotz allem
sieben Interviews, in deren Verlauf ein Günter Bruno Fuchs Konturen gewinnt,
der ganz anders ist und auch wieder genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
Gut die Hälfte des
Gesprochenen gebe ich hier wieder. Kürzungen habe ich nicht kenntlich gemacht,
da es wenig zur Klärung beitragen würde.
Den bei allen Beteiligten oft
auftauchenden Berliner Slang habe ich - von Ausnahmen abgesehen - beseitigt.
Einzig bei dem Gespräch mit Kurt Mühlenhaupt wollte es mir nicht gelingen, den
Dialekt zu eliminieren, ohne den Inhalt deutlich zu verfälschen. Ich habe den
Versuch dann aufgegeben - der Leser möge versuchen, da durchzusteigen.

Abb. 5
Den ersten Termin nahe ich
bei Sigurd Kuschnerus. Er wurde 1933 in Berlin gehören und bewohnt heute eine
große Atelierwohnung in Kreuzberg mit Frau und Katze und Nachbarschaftsbesuch.
Früher zeigten seine Bilder verfallende Mietshäuser in allen Variationen.
Heute, wo das Leben in diesen alten Klötzen im Zuge der Instandbesetzungen
wieder "en vogue" wird, treffe ich ihn vor einer riesigen
naturalistischen Alpenlandschaft. Er sagt, er male eigentlich immer noch
dasselbe, er stelle jetzt in München aus, da verstünden sie ihn besser. Während
des Interviews hält er immer wieder einen winzigen Dia-Betrachter ans Auge und
setzt Häuser als kleine weiße Pünktchen ins Bild.
Sigurd Kuschnerus war damals
bei der zinke mit dabei, ich bin
daher auf ihn gestoßen.
Kuschnerus:
Ja, da war ich mit bei, das heißt, ich war der erste, den sie angesprochen
hatten, ob ich nicht da ausstellen wollte, und ich hab dann mit Günter Anlauf
zusammen ausgestellt.
Propp: In
dem Katalog schreibt Robert Wolfgang Schnell, Sie hätten damals einige
Vorbehalte gehabt gegenüber den anderen. Stimmt das?
K.: Ich? -
Es kann niemand über eine Person etwas aussagen, ohne nicht dabei
Entscheidendes über sich selbst auszusagen (das ist nicht von mir). Nee, ich
hatte keine Vorbehalte eigentlich. Das heißt Vorbehalte - da muss ich mich
korrigieren -ein bisschen gegen die exzessive Sauferei, die da gepflogen wurde.
Da setzt eigentlich auch meine Kritik so ein bisschen an. Gerade hier, in
diesem viel gerühmten, viel gepriesenen Quartier meinen viele Leute, wenn sie
das auch so treiben, dass das zum Dichten reicht. Und das tut es nicht.
P.: Das ist
dann nur das Kneipenmilieu, was da übrig bleibt?
K.: Ja, und
das ist eigentlich so ein breites Kielwasser, was er hinterlassen hat, und das
ist eigentlich nicht so furchtbar schön.
P.: Ja war er
eigentlich - hat er was mit Alkoholismus zu tun gehabt?
K.: Hee, er
hat gerne einen zur Brust genommen, und das war eigentlich alles.
P.: Gab es
mit Günter Bruno Fuchs eigentlich nur so Gespräche über Kneipen- und
Dichtersachen, oder hat er auch zum Beispiel über Fußball, über Autos, über
Politik oder sowas geredet?
K.: Nee,
also über Fußball und Autos ganz bestimmt nicht, und wenn, dann eher abfällig.
Na - nicht abfällig, aber eher mit Vorbehalten. Er ging völlig in Literatur und
allem, was damit zusammenhängt, auf. Politisches Engagement hat er eigentlich
nur mit einer gewissen Verachtung und einem gewissen Vorbehalt gezeigt. Er war
da in Reutlingen, bevor er nach Berlin kam, glaube ich, ganz aktiv in der IDK
(Internationale der Kriegsdienstgegner).
P.: Mich hat
gewundert, dass er eine Reihe Flugblätter und Aufrufe gegen alle möglichen
Sachen unterschrieben hat (Klaus Wagenbach hat das ja in "Vaterland,
Muttersprache" gesammelt). So konkret hat er sich in seinen Texten und
Bildern ja nicht geäußert,
K.: Nee, -
eine der ersten Arbeiten der Rixdorfer[10]
war ein Plakat gegen die Taubenvernichtungsaktion und noch verschiedene Sachen
vom Senat mit dem Text: "Taubenmörder schaffen Ordnung!" Das ist
eigentlich das Einzige, was ich kenne.
P.: Ist er
da irgendwie auf den Bauch gefallen mit der Politik, also mit direkten Sachen?
In seiner frühen Zeit hat er ja. auch Plakate gemacht gegen eine Werbung für
die Armee und so weiter.
K.: Ja - ich
weiß nicht - , war das von Hoffnungslosigkeit oder von Aussichtslosigkeit bestimmt...?
P.: Mir ist
aufgefallen, dass in seinen Gedichten und Geschichten ganz selten Frauen
vorkommen, und wenn, dann oft so ein bisschen abschätzig betrachtet.
K.: Na ja,
er produzierte sieh gern als Weiberfeind.
Diese Saufkumpanei ist eben
'ne Sache unter Kerlen, unter Männern. Er hatte eigentlich, soweit ich es
beurteilen kann, keine Veranlassung dazu. Er war verheiratet, als ich ihn
kennen lernte in erster Ehe mit - ich weiß nicht mehr, wie sie heißt -, und das
war eigentlich mehr so eine Attitüde.
Diese Attitüde der
Weiberfeindlichkeit, die brach immer durch und wurde verstärkt, wenn er mit
Robert Wolfgang Schnell zusammen war, oder eben, wenn er so eine Phase hatte,
wo er sich um nischt kümmerte und eben durch die Kneipen zog Das hatte er ja
streckenweise drauf, und da begegnen einem dann natürlich Tanten und
Lehrerinnen alle ein bisschen maliziös, nicht?
P.: War er
zweimal verheiratet?
K.: Zweimal,
ja, und in der zweiten Ehe hat er eine Tochter hinterlassen, Anja heißt die, und
die hat ihm eigentlich sehr viel gegeben. Man sieht das so an den Sachen, die
er seit der Zeit gemacht hat, und die er ihr auch gewidmet hat. Die zweite Frau
hat sich von ihm ja dann scheiden lassen. - Das war dann immer ein bisschen
anstrengend, diese Phasen der Durchbrüche des - ja wie nennt man das nun, des
-?
P.: Er hat
dann bei seiner Mutter gewohnt zum Schluss?
K.: Ja, das
heißt, ganz zum Schluss hatte er irgendwo in der Güntzelstraße ein Zimmer zum
Arbeiten, wo er sich zurückgezogen hatte, um irgendeine größere Sache zu
machen. Was das eigentlich war, weiß ich gar nicht.
Ja, dieses Verhältnis zu Frauen war insofern ein gestörtes, und wurde aus
dieser Störung reflektiert, eben: "Wo warst du denn schon wieder? Wie
riechst du denn, siehst du denn aus?!" Das eine bringt das andere mit
sich. Ich meine, aus welchen Quellen das nun alles genährt wurde, ach Gott, das
streift ja das Gebiet der Analyse und was weiß ich alles.
P.: Na ja,
dass er mit seiner Mutter da so lange zusammen war, das ist doch vielleicht
auch ein Grund.
K.: Na ja,
das kommt ja alles zusammen.
Er war auch sehr befreundet mit V. O. Stomps (Victor Otto Stomps war schwul,
T.P.), konnte aber mit der Homoerotik eigentlich nichts anfangen; das war ihm
wiederum lächerlich und absurd.
P.: Hat er
das auch abgelehnt?
K.: Nee,
abgelehnt gar nicht - er war nicht so gönnerhaft tolerant -, er hat das
akzeptiert, aber ihm selbst war es kicherich, er konnte damit nichts anfangen.
P.: Da gibt
es diese schöne Stelle in "Aus dem Leben eines Taugenichts", wo die
Mondfahrer oben anstimmen: "So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen
nieder", und wo die dann unten eine Tracht Prügel beziehen für das Wort
"Brüder" von ihren Frauen, die sagen: "Die Kerle werden da oben
allmählich schwul! Schluss mit der Fliegerei! Schön unten geblieben!"
K.: Ja, -
ja.
P.: Haben
Sie ihn eigentlich auch mal traurig erlebt, oder war er so im Umgang mit Leuten
immer gut aufgelegt?
K.: Na ja,
traurig eigentlich nicht -, so ins Bier heulender Weise eigentlich nicht.
Jeder, der dieses Talent hatte, wurde von ihm als "Miesling"
bezeichnet. Wenn es ernst wurde, wurde ihm meistens sehr komisch. Das wischte
er dann beiseite "najanajanajanaja!" und so, nicht? "Nu wolln wa
doch mal nich zu sehr in der Schiefe türfen", oder irgendwie so. Er hat
das dann immer so ein bisschen, abgetan.
Ich kann mich erinnern, da
hatten wir ein nächtliches Streitgespräch um die Miete der zinke - Räume und Konsequenzen, die zu ziehen wären, und was damit
zusammenhängt, wenn man die Lasterei allzu fröhlich pflegt und allzu
bedenkenlos, dass das eben doch die ganze größere Sache durchaus zu gefährden
in der Lage ist (Mit aller Vorsicht und allen freundschaftlichen Vorbehalten).
Da haben wir also eine ganze Nacht lang heftigst diskutiert und heftige
Wortgefechte ausgefochten. Das zog sich also hin bis morgens um fünf.
P.: Da ist
er dabei geblieben?
K.: Ja, ja
durchaus, und man kam dann vom Hundertsten ins Tausendste, das zog sich ewig
hin, und das Ulkige war, dass wir beide wie Kinder zwischendurch zeichneten, malten, Collagen
machten, uns gegenseitig das Uhu wegnahmen, alles Mögliche -. Ja, er war eigentlich aufs Ernste überhaupt nicht festzulegen, er nahm das einfach nicht ernst. Er befand
sich da in bester Gesellschaft, und das wurde eben auch als Dada-gemäß oder Dada-ungemäß bezeichnet.
Er
hatte es ja sehr mit Dada, verehrte alles, was damit zusammenhing und sah das
als einzige Möglichkeit, dem Ernst des
Lebens überhaupt in irgendeiner Form
entgegenzutreten. Wer das nicht begriff, naja, der war eben selber Schuld und
dadurch dann hinten runter. Das war dann eben kein Umgang für ihn.
Er
war eigentlich Anarchist im besten Sinne. Und auch konsequent friedlich, nicht?
P.: Es ist merkwürdig, dass ich das Wort "Anarchist" noch nie gelesen oder
gehört habe im Zusammenhang mit Günter Bruno Fuchs - außer in diesem einen Spruch
da.
K.: Das kommt mir auch
gerade und ganz spontan so in den Sinn, wo wir eben so über Dada und alles reden.
P.: Ich habe das nämlich auch schon gedacht. - Und das gilt ja mit allen Schwierigkeiten,
die damit zusammenhängen. Der Schwierigkeit
zum Beispiel, dass sich völlige Freiheit von
Herrschaft immer als schöne Idee, aber selten als
praktikable Lösung herausstellt.
K.: Er war es also nicht
programmatisch. Die Leute reden ja bekanntlich immer über das, was sie nicht haben oder nicht sind, und das am liebsten.
Vielleicht ist ihm das deswegen nie untergekommen, vielleicht war er sich
dessen auch gar nicht so bewusst, dass er es als Attitüde hätte tragen können. Er war es einfach. Er hatte ein sehr reserviertes Verhältnis zur so genannten "Obrigkeit" und zu allem, was
irgendwie strukturiert war.
P.: "Anarchismus"
ist ja auch schon wieder irgendeine Schublade, und man sieht ja, wie die, die
sich heute so nennen, leicht in eine Ecke gedrängt
werden, in die sie vielleicht doch nicht reingehören.
K.: ... Ist schon wieder ne
Schublade, ja. Ich meine den ohne Schublade.
P.: Ja, darum wird er sich
nie so genannt haben. Es gibt ja keine Stelle, wo er mal sagt, das und das bin
ich, als Etikett oder so.
K.: Na ja, er ist der dicke
Mann, der wandert, nicht?
P,:
Ja, dick war er auch.
K.: Ja.
Ich
bekomme noch Adressen und Bekannte genannt, den Tipp GBFs Mutter und eine Frau
Kotz ("bitte wie "Koots" sprechen!") zu besuchen. unser.. Gespräch verläuft sich dann, und ich
mache, dass ich davonkomme.

Abb. 6

Abb. 7
Frau Kotz war eine Nachbarin der zinke, die sich mit deren Inhabern
anfreundete damals. Ich finde die Oranienstraße
27 im jetzt türkisch besetzten Teil der
Stadt, trete durch die schwere Tür zum Hinterhof und fotografiere den Ort, an
dem früher die Galerie war.
Im
Vorderhaus, ein paar Treppen hoch, wohnt noch immer Frau Kotz und macht mir
auf. Ich sehe, sie ist ausgehbereit hergerichtet. Ja, gerne würde sie mit mir
sprechen, nur jetzt gehe es nicht, sie müsse ihren Neffen abholen, kurz könne
ich ja hereintreten, solle nicht im Kalten stehen bleiben. Da sei er ja, der
Günter Bruno Fuchs. Sie deutet auf die Wände ihres Wohnzimmers, an denen ich
das bekannte runde Gesicht zwischen den dicken schwarzen Flächen seiner Holzschnitte
erkenne.
Morgen
sei es auch schlecht, da gehe sie zu Robert Wolfgang, Ja, ich weiß, dass er
krank ist. Nun, es gehe ihm schon wieder besser, aber ob er wieder seine alte
geistige Schaffenskraft erlangen werde, wisse man ja leider nicht.
Frau
Kotz scheint noch verlegener zu sein als ich, ihre Lider fallen herunter, sie
blickt mich aus geschlossenen Augen an. Wir verabreden einen Termin morgen
Vormittag, Ich glaube, Waltraud Kotz freut sich. Ich mich auch.
Am
nächsten Tag kommen wir zunächst ins Reden über GBFs Tod, von dem Frau Kotz
noch immer sehr betroffen ist. Sie fand die Todesanzeige damals vor, als sie
gerade von einer längeren Kanada-Reise zurückkam.
Vom
Tag ihrer Abreise erzählt sie:
Kotz: Und bevor ich abflog, telefonierten wir noch zusammen, - und direkt am
Tage meines Abflugs, da rief er mich um neun Uhr früh an und verabschiedete
mich noch mal: "lustige Häschen und tausend Sonnenstrahlen sollen dich
begleiten!" Er sagt:
"Mensch,
du Waltraud, das ist nachher so herrlich, wenn du wiederkommst, du hast dann
ganz andere Eindrücke und dann vieles zu erzahlen, und es passt so schön, weil
ich ja dann in Klausur bin, und für die - das Jubiläum wollte er da arangieren.
Das sollte hier hinten noch mal provisorisch alles aufgebaut werden, also der Hinterhof
bestand noch, bloß danach ist dann ja nun alles abgerissen worden.
Nur
langsam tasten wir uns in die frühere Vergangenheit zurück.
Die
zinke hatte ja den Anfang gemacht
hier mit Galerie. Und da war noch der - unser Texas-Willi hier -, der Kressmann,
der war da Bezirksbürgermeister, und ich dachte, ja was soll da schon -. Mein
Interesse galt schon immer allem Schönen, ich habe viele Ausstellungen besucht
und - naja -, als ich hielt davon nichts.
Ich
sah die vier dann mal so über den Hof gehen. Das war der Günter Anlauf, da
dachte ich, ja der sieht aus - also ja - wie ein Adler. Und den Günter Bruno
Fuchs, das war für mich der - ein lustiger Ball, ein springender Ball: Trotz
seiner Fülle hatte er einen Gang, als wenn er schwebt, ja, das ist so. Er tanzte
auch dementsprechend - ganz leicht. Ja und dann war da noch Sigurd Kuschnerus,
und das war für mich der Schüchterne.
Propp: Der war auch der Jüngste.
K.: N' Braver - ja - fand ich. Und Schnell war dann -, also mit donnernder
Stimme hörte man den über den Hof gehen, das war dann alles voller Leben, und
-, Na ja, bis meine Tochter dann eines Tages nicht zur Zeit rauf kam und ich
runter ging, und ich stellte mich vor und sah!
Da
war ich fast "beschämt, dass ich mich da nicht eher sehen ließ, denn es
war sehenswert. Ich war fassungslos, was gezeigt wurde. Auch die Sachen, die
Arbeiten von dem Anlauf, das war einfach großartig. Da war dann unter anderem
schon von dem Kuschnerus da das frühere Europa-Haus und ja also eben sehr, sehr
schöne Sachen. Na ja, und da schrie alles: "Dass es hier sowas gibt, und
das wohnt hier im Haus!" Und da große Freude und: "Was meinen Sie,
wen wir heute abholen, den V.O. Stomps!" Und dann sollte ich durchaus
mitkommen. Ich sage: "Nee, also das finde ich großartig, das ist sehr lieb,
aber das kann ich nicht, das kommt mir sehr unvorbereitet, genau wie mein
Besuch hier heute unvorbereitet ist", und habe dann davon Abstand
genommen. Und dann wurde natürlich von unterwegs nachher irgendwo angerufen,
und ich solle doch nachkommen -, Na ja, also das wollte ich nun auch nicht. Und
dann wurde unsere Freundschaft eine sehr, sehr enge, wie ich sie eigentlich
dann nicht erwartet hatte. Und indem ich die einzige war, die eben hier Telefon
im Hause hatte (außer der Orthopädie hier unten, aber der hat ja nun abends
dann prinzipiell geschlossen - ist ja klar!), aber die Kotz'n, die war ja im
Hause, und dann bat man mich, ob man ein Gespräch hier in Empfang nehmen
dürfte, das wäre so gegen 20 Uhr. Ich sag': "Ja aber - keine Frage!"
Ja und dann kam er so mit Hand auf dem Rücken, dann war da ein Fläschchen, und
dieses hat sich dann so eingebürgert, dass es überhaupt gar nicht mehr anders
denkbar war, als dass man nach der zinke
entweder hier oben oder drüben in der Jägerklause saß.
Und
dann war unser lieber GeBe, der - es war ja nie Geld vorhanden, das gab's ja
einfach nicht -, und dann stand da eine große Vase, dann durften die Besucher
da mal einiges hineinwerfen. Das sollte aber zum Wohle der gesamten zinke dienen - das ist klar -, aber da
wurde mitunter gar nichts draus, das nahm das liebe Günterchen als Letzter mit
rüber in die Jägerklause, und hatte dann die Kanne voller Groschen (und
einzelne Markstücke waren auch dabei), na und dann - ist doch klar! - und dann
ging das eben lustig weiter. Na ja.
P.: Waren die anderen Nachbarn hier auch irgendwie so dabei, oder haben
die sich öfter mal gestört gefühlt?
K.: Kein, da hat sich überhaupt nichts getan, die haben sich das auch gar
nicht angekuckt. Da war kein Interesse. Die fanden dann höchstens, ach: laut
und der war besoffen... Also kleingeistig bis zum Geht-nicht-mehr.
Und
als der Grass hier seine Lesung hatte - da war dann ein Flötenspieler, der
immer in kleinen Pausen dann "düdlüdlüt" machte -, da fingen die an,
da oben in der dritten Etage, den Babysittersong dazwischen zu spielen (ein in
dieser Zeit bekannter Sehlager, T.P.).
Nun
müssen Sie sich vorstellen, dass es ja meistens so war, dass verschiedene Dinge
fehlten, und. dann schnappte ich mir alles, was ich an Gläsern hatte, dann
alles, was an Aschenbechern bei mir vorhanden war, dann fehlten
Schraubenzieher, dann Steckdo- nein - Verlängerungsschnüre und Stehlampe, und
ich schleppte also - es war alles dann mau.
P.: und die Hälfte .kam dann zurück?
K.: Na, das war nicht so, dass nur die Hälfte -, das klappte dann schon,
dass ich's wieder bekam. Aber es war ein herrliches Zusammenleben. und es war
nachher auch so, dass mir, wenn niemand hinten war in der zinke und es wurden Bilder abgegeben, dass man das alles dann bei
mir ließ. Und wenn es nun richtig schön kalt war, dann hab ich schon Kohlen
runter gebracht und geheizt.
P.: Hatten Sie nicht noch zu arbeiten damals?
K.: Ja, ich hatte noch eine Agentur, konnte mir aber die Zeit einteilen, wie
ich wollte. Und da war ich denn eben in jedem Falle, weil, ich war der zinke sehr zugetan. Wir waren wirklich
eine Familie. Es war herrlich.
P.: Mir ist aufgefallen, dass der Günter Bruno Fuchs in seinen Gedichten,
Geschichten und auch in den Kinderbüchern schon Frauen - wenn sie überhaupt
vorkommen - immer so ein bisschen schnippisch darstellt.
K.: Ja! - Na, ich nehme auch an, dass seine Erfahrungen nicht die
allerbesten waren, und dass er sich deshalb -. Ich meine, die zweite Scheidung
scheint ihn wohl doch sehr mitgenommen zu haben, denn an dieser Jutta hing er
sehr. Er war an sich ein seelenvoller Mensch und dankbar für jedes liebe Wort.
P.: Aber war es nicht manchmal auch schwierig, mit ihm zusammenzuleben? Wenn
er zum Beispiel so mal abgetaucht Ist ein paar Tage?
K.: Ja -, ich werde Ihnen sagen, wenn eine Frau das nicht akzeptieren
kann, dann darf sie diesen Menschen nicht an sich binden, finde ich. Sie wusste
es. Ich kenne sie ja alle nicht anders, es gibt ja kaum einen Schriftsteller,
der nicht irrsinnig gesoffen hat - überall ist das nachzulesen.
Also
wir haben hier mitunter - das will ich Ihnen nur kurz sagen -, wir haben hier
mitunter die Nacht total durchgemacht. Und ich habe nicht gewusst, dass ich trinken
kann, ich habe früher -glauben Sie es mir bitte! -, ich habe immer gedacht: Wie
kann man das Zeug, was so erbärmlich stinkt ("stinkt" habe ich
gesagt!) freiwillig in sich hineinkippen? Also ich fand's ganz ordinär. Diese
Schnäpse. Und also vor allen Dingen, wir hatten ja hier den -, wenn ich
Dornkaat kaufte, dann haben die getobt, was das für eine sinnlose Verschwendung
wäre, der Korn, Zwei Flaschen hätte ich dafür gekriegt!
Denn
ich sorgte später auch dafür - nicht? -, denn wenn kein Geld ... Darüber redet
man gar nicht, das war alles ganz selbstverständlich. Und dann hätten Sie sehn
müssen, wie hier die Schnitten zurechtgemacht wurden. Jeder ging an den
Kühlschrank! - der Appetit! - wie eigenartig die Geschmacksrichtungen waren.
Ich hab dann bloß immer gesagt: "jaja, macht, macht mal!" Der eine
hat sich Zwiebelstullen gemacht, der andere mochte gern durchwachsenen Speck
mit Pfeffer drauf, und einer trank Milch so furchtbar gern -. Es war sagenhaft,
was sich hier - wie sich's abgespielt hat.
Auch
die Möbel wurden mitunter gerückt und meine Wohnung sah völlig verändert aus.
Und
dann habe ich so fleißig mitgetrunken, dass ich mich gewundert habe. Also soll
ich's bedauern, dachte ich, oder soll ich froh sein, dass ich's kann - ich
wusste es nicht mehr, und alles hat sich gewundert, alles lag nachher natürlich
unterm Tisch, und ich suchte dann auch einmal meinen GeBe - naja -, der lag
dann in der Küche auf zwei Stühlen: Kopf so und die Beine da - er lag.


P.: Ich wundere mich immer, wie diese Leute da dann auch wieder runter
gekommen sind, denn die haben sich ja auch wieder an den Schreibtisch gesetzt
und was geschrieben und formuliert und - alles mögliche.
K.: Ja, und bei mir ging's auch gleich weiter, nicht? Und es hat keiner
sein Gesicht verloren! Es ist nicht so gewesen, dass man -, auch was sie
sprachen, es war alles gut. Es war nichts Verwirrendes dabei, wo man dachte:
ogottogott jetzt, was -. Ich staunte über diese Wachsamkeit, über dieses
Wachsein des Geistes überhaupt. Dann müssen Sie sich vorstellen, dass hier
sieben bis acht Männer in dem breiten Bett gelegen haben. Und ich hab indessen
aufgeräumt, hab die Sachen wieder weggeräumt -. Und dann die Bierkapseln, die
hat meine Aufwartung dann im Bett in den Rändern gefunden und oben in der
Lampe: da warn die Dinger da hoch - die waren dann da oben, ja und dann musste
ich Tochter wecken, weil die zur Schule musste, und sagte dann: "Kinder,
los, raus! Meine Breuern kommt gleich!" Sind sie dann nebenan gegangen -
es war dann GeBe Fuchs und Manfred Bieler, die ja sehr eng befreundet waren -,
und haben eine Windmühle gekauft. Und dann dauerte das nicht lang, da sind sie wieder hoch gekommen. Ja
sicher hat die zinke mitunter auch
darunter gelitten. Sie wurde nicht eröffnet. Nun war ich da und hab das dann
bloß gemacht.
P.: Haben
die da eigentlich auch mal gut verkauft in der zinke?
K.: Ja, so
einiges schon, aber es ist im Verhältnis nicht doll, was dabei herausgekommen
ist. Es ist ihnen ja dann auch nicht gegeben worden, was ihnen zugesagt wurde.
P.: Was hat
denn der Günter Bruno Fuchs gemacht, um überhaupt leben zu können? Denn genug
Geld ist von den Bildern ja damals nicht raus gesprungen.
K.: Nein,
das nicht. Naja, er hat seine Bücher geschrieben und seine Zeichnungen -, es
ist doch schon dann und wann was gekommen, sonst hätte er ja gar nicht
existieren können. Natürlich war es schwer.
P.: So
früher, da hatte er ja alles mögliche gemacht. Ich hab gehört, er hat so auf
Kärtchen Bilder gemalt, Gedichte rauf geschrieben und ging dann von Tür zu Tür
die verkaufen.
K.: Hat er,
ja. Das war aber die Zeit, wo ich ihn noch nicht kannte.
P.: Hat er
eigentlich so von früher mal erzählt, oder war er immer nur im "hier und
jetzt"?
K.: Nein, er
war nur -. Das ist genau, wie ich fassunglos war, was er für wunderschöne
Sachen gezeichnet hat. Das müssen Sie sich bei Frau Fuchs ansehen. Wunderschöne
Sachen, sehr sehr - fromme Dinge, die er auf Papier brachte.
Wissen Sie - ich weiß
nicht, wie ich Ihnen das sagen soll -, aber es ist so, dass er sich hier sehr
geborgen fühlte. Er freute sieh auch über jeden Brief. Er sagte:
"Waltraud, wenn ein Brief kommt mit deiner Girlandenschrift!" Und
wenn er kam, er sagt: "Dein lachendes Gesicht!" Er hat mich nie böse
gesehn. Andere hätten vielleicht gesagt, ach um Gottes Willen, was stellen die hier
an, was -. Also es war eine so -, wir haben den Mackie Messer gesungen, wir
haben "Haifisch, der hat Zähne" und "Fährt ein kleines Schiff
nach Hongkong" -, aber das war es nicht, sondern: "Fährt ein kleiner
Clip nach Hongkong", weil denn: Umfassen, und der Clip, der war dann sonst
wo -. Es war so lustig!
P.: Und Sie
waren nie mal sauer auf ihn oder so?
K.: Kenn'
ich gar nicht! Ja, nein, noch nie - überhaupt nicht. Und darum - ich sage Ihnen
ja -, darum hat er sich ja bei mir auch sehr wohl gefühlt. Ein Jahr nachdem die
zinke eröffnet war, da hat er - das
wurde dann nachher unser gemeinsames Lied: "Am Tag, als der Regen
kam" -, da hat er doch tatsächlich drei Tage erst drüben vor der Tür
geschlafen, dann hier vor der Tür geschlafen und wollte durchaus hier bleiben.
Und ich sage, ja GeBe, zu Hause wartet man auf dich, und man soll nichts
übertreiben, und -.
P.: Da war
er schon mit der Jutta verheiratet?
K.: Neenee,
da war er noch mit der Gisela verheiratet, mit der ersten Frau. Aber es war bei
dem, bei alledem, was ich Ihnen sage, war das nur eine reine, tiefe
Freundschaft. Er hätte auch nie irgendwelche Annäherungen - er fand mich eben
ganz herrlich, dass ich so war.
P.: Das war
ihm sicher auch am liebsten, da hatte er -.
K.: Das war ihm
am liebsten -, und wenn ich Ihnen die Zettelchen zeige -, das ist alles so -
wissen Sie -, das sagt so viel aus, es sagt so furchtbar viel aus. Es ist alles
so furchtbar wertvoll, was ich habe, und ich kann mich da von nichts, aber auch
von gar nichts trennen - hänge, hänge sehr daran.
Frau Kotz zeigt mir einige der Zettel, die sie
aufbewahrt hat. Darauf steht zum Beispiel:
"Morgen Vormittag, 11
Uhr"
"Guten Abend! sagte
der Herr vom Hinterhof"
"Schon gegangen -
liebe Grüße"
"liebe Waltraud! Bin
in der zinke"
"Vielleicht hast Du
eine Minute Zeit"
"Der Fuchs ist wieder
da"
P.: Mit dem
Günter Bruno Fuchs hatten Sie am meisten Kontakt so von den anderen?
K.: Ja, er
befand sieh am meisten hier oben, Fuchs und Bieler.
Was meinen Sie, was ich da manchmal
schon vormittags 'n Schluck trinken musste! Wenn er in der zinke saß, und ich bin nicht runter gekommen: er war todtraurig. Da
fehlte irgend etwas. Wenn ich keine Zeit hatte und mal woanders saß, also das
war: "Wie kannst du das, wie kannst du das, wenn du weißt!"
P.: Na, er
hat auch ganz schön in Beschlag genommen.
K.: Ja,
sicher - sicher.
P.: Das
waren ja eigentlich ganz andere Leute, die dann hierher kamen, um die Bilder
anzukucken, als die, die hier gewohnt haben. War das nicht auch ein Fremdenverkehr
richtig?
K.: Ja, der
Autopark war groß, und die Leute waren interessiert. Sonst hätte es ja auch
keine zinke so lange wiederum
gegeben. Obwohl es viel zu kurz war die Zeit.
Frau Kotz zeigt mir noch einige Erinnerungsstücke.
VauO. Stomps ist da auch
erwähnt.
P.: Der VauO
Stomps war ja schwul.
K.: Ja, das
war ein offenes Geheimnis.
P.: Und wie
stand der Günter Bruno dazu?
K.: Ja nun -
er meinte, dass er - wo ich ja auch so einen kleinen leichten Verdacht habe,
dass auch diese bisexuell waren, nicht? Der Stomps sagte, dass keiner umhin
käme, beide Geschlechter zu lieben. Dazu wären wir Menschen nun mal erschaffen:
was wir schön finden, das sollten wir dann auch wahrnehmen.
P.: Der
Kuschnerus hat gesagt, der Günter Bruno, der hätte darüber immer gelacht und
damit nichts anfangen können.
K.: Das
glaube ich nicht so recht. Ich nehme eher an, dass das eventuell - nicht nur
bei dem Stomps - die stärkere Bindung war und die stärkere Seite.
P.: Na wenn
man zusammen säuft, da liegt man sich schon mal in den Armen, und da ist der
Körper ja auch dabei.
K.: Ja, naja
-, es war nicht unbedingt der Trunk, der dann dazu trieb. Das ging auch so,
ohne. Da war dann dieses Umfassen und nicht nur so den Bruderkuss, sondern eben
den richtig herzinnigen Kuss. Und ich nehme an, dass er auch - obwohl ich
darüber -. Wie gesagt, ich kann nichts Bestimmtes sagen, da ich nichts in
dieser Richtung -. Naja, wer ist schon dabei, nicht?
Aber gespürt habe ich das.
Und auch bei einigen die Begrüßung -, das war mir dann ganz klar, das war selbstverständlich,
dass das eben bei beiden eben eventuell auch eine rein sexuelle Liebe sein
könnte.
Aber vielleicht hat er mich
deshalb auch gemocht und respektiert, weil ich auch eben das respektiert habe.
P.: Waren da
auch jüngere Männer mal da, oder waren das eigentlich immer so die älteren
unter sich?
K.: Nein,
eigentlich immer - immer etwas ältere, muss ich sagen, denen er den Vorzug gab.
Ich glaube auch, dass die Mutter darüber im Bilde ist.
Da kann ich dann auch sagen:
Was heißt "schwul" oder "homosexuell"! So was gibt's grade
unter den Künstlern, das ist bisexuell, nicht?
P.: Ja,
Heute kann man ja auch offener darüber reden, aber so Anfang der sechziger
Jahre, da war das ja sicher noch etwas schwieriger.
K.: Ja, und
es steht keinem Menschen zu, sich darüber hässlich zu äußern. Ich habe auch im
Bekanntenkreis einige Intellektuelle, die durchaus tatsächlich nur Homosexuelle
sind. Aber ich muss Ihnen sagen, dass ich da keine Empfindlichkeit zeige,
sondern diese Menschen sogar sehr mag, weil sie höflich, nett, -
P.: - auch
nicht so zudringlich -
K.: - und
nicht so zudringlich - ach wissen Sie, Menschen, die so in unangenehmer Art und
Weise zudringlich werden, sind mir sowieso zuwider. Ganz egal, auf welcher
Seite sie irgendwie liegen, ja? Aber es gibt da gewisse Arten - da kann einer
schön sein wie Adonis --
Und es war Folgendes - und
das spielt halt eine große Rolle -, dass ich früher als Kind - mich haben keine
Puppen interessiert. Das waren für mich tote Gegenstände. Also dieses nur mit
den Augen klappern, das hat ja meine Fragen nicht beantwortet. Also für mich
waren das ganz dumme Sachen. Und auch wieder irgendwelche Teddybären oder was,
das hat mir nichts gesagt. Was ich persönlich mochte, das waren Buchstaben. Buchstaben
haben mich kolossal interessiert.
Wir reden dann noch ein Weilchen darüber, wie wir
beide Interesse an Literatur gefunden haben, dann frage ich nach GBFs zweiter
Frau Jutta.
K.: Also die
fand er nun gut, weil die sich auch mit der Schnapsflasche auf den Rinnstein
gesetzt hat mit ihm zusammen und die Flasche austrank und das Leben ganz
herrlich fand.
P.: Hm. Am
Anfang.
K.: Eben.
Und deshalb - sage ich mir - weiß sie doch Bescheid, wie der Tageslauf eines
Schriftstellers aussieht.
Und nach Möglichkeit hätte
ich ihn ja dazu doch gebracht, dass man denn -.
Ich meine, wenn wir hier
saßen, musste es auch nicht immer der Schnaps sein. Dann habe ich auch ganz was
anderes – Tee, den er gerne trank und was weiß ich - gemacht. Wir haben uns
dann mal eben richtig gut unterhalten mal ohne, ohne Zeug.
Es ist ja nur, wenn in der
Menge eben - das ging ja dann einfach nicht anders. Die hätten ja gejubelt,
wenn da einer nee gesagt hätte. Ich meine - gut! - dann sind sie alle in dieser
animierten Stimmung, dann will ich ja gar nichts sagen, aber man muss ja nicht
das Ganze noch forcieren, und sich nachher dagegen auflehnen und pfui Deibel
sagen, nicht?
P.: Ja
sicher.
Wieso ist eigentlich die
Tochter bei ihm geblieben und nicht bei der Mutter?
K.: Ja nun,
weil die Mutter sich ja nun denn auch in Gegenwart der Tochter bereits mit
anderen Männern ins Bett legte. "Ein Mensch muss selbständig werden!"
hat sie erklärt. Die hat sich dann alleine was zu Essen genommen, ist schon
früh auf der Straße gewesen und hatte eben gar keine Ordnung und keine Liebe.
Naja. Und diese Frau -, das
war auch die Zeit, wo GeBe sich irgendwie zurückzog, und aber ich per Telefon
mit ihm in Verbindung war und irgendwie seinen seelischen Kummer mitbekam. Aber
ich meine, wenn mir einer nicht alleine etwas sagt, der Hilfe braucht, dann
frage ich nicht. Denn jeder, der Hilfe braucht, und das Bedürfnis hat, sich
auszusprechen, tut's ja, oder nicht?
P.: Na -,
nicht jeder kann das.
Ich habe auch gehört, dass
der Günter Bruno Fuchs nie Trauer gezeigt hat.
K.: Ja -,
Trauer gezeigt -. Ja vielleicht haben die anderen das nicht gesehen oder nicht
mitbekommen. Ich hab's gemerkt, und ich habe es auch daran gemerkt, dass er
irgendetwas suchte. Er suchte eine Geborgenheit, eine Ruhe, die suchte er, und
ich hatte das Gefühl, dass er die hier hatte.
Was ihn auch
fuchsteufelswild machte, das war eine falsche Ausdrucksweise. Da konnte er
unangenehm werden. Zum Beispiel, als wir hier saßen - Günter Anlauf mit Carola
waren hier -, und ich hatte einen Geflügelsalat gemacht, der ausgezeichnet war.
Und die Carola, die konnte sich gar nicht lassen, die sagt: "Mensch
herrlich, Waltraud, und so gut durchgezogen!" Na dieses Wort "durchgezogen"
-! "Wer hat denn den Salat wieder durchgezogen!?" -Ach! Nicht? Das
ist dann "durch-gezogen", "durchzogen", ja also
"durch-ge-zogen", also das hat ihn dann -, er konnte dann auch
unangenehm werden.
P.: Ja aber
das ist doch eigentlich kein Anlass! Nun wegen sowas -.
K.: Nein,
aber das störte ihn -, das störte ihn.
P.: Ja?
K.: Ja.
P.: Der
Salat "durchgezogen" -, das sagt man doch so?! Einfach so.
K.: Ja, ich
meine, ein Berliner bringt ja oft Sätze raus, die nicht ganz - also für einen
Literaten eventuell nicht das Richtige sind, nicht? Aber man sollte dieses nicht
so tragisch nehmen. Wissen Sie, er wurde ja zum Schluss immer allein gelassen.
P.: Warum?
K.: Weil das
-. Es hat sich jeder abgesondert. Oder sie haben ihn betrunken vor Mutters Tür
gestellt. Oder was meinen Sie, was die Fuchsen alles mitgemacht hat! Wie sie
diesen Menschen -, wie oft die Polizei anrief. Er hatte ja nur mit der Polizei
zu tun.
Was wir zerrissen haben! An
Strafen! Wegen: "Dort liegender Weise vorgefunden und mitgenommen"
und "Strafe sowieso", nicht? Was da für Gelder losgingen! Und - ich
meine - das haben wir nun alles vernichtet. Erst wollte ich mir ein paar Sachen
davon aufheben, weil ich die so lustig fand. Ich hab mich mitunter dusslig
gelacht! Nee, was -.
Und er hat mir auch von
seinen Halluzinationen erzählt. "Weißte", er sagt, "Waltraud, es
ist grauenhaft", er sagt, "da kommen, aus diesen riesigen Flaschen
kommen noch größere riesige Leiber raus und kommen auf mich zum Erdrücken. Er
lebte ja oft genug im Delirium. Was meinen Sie, wie oft mich die Mutter gerufen
hat, wie oft ich da war: "Kommen sie bloß, ich weiß nicht mehr
weiter."
Bei seinem ersten Besuch
nach langer Zeit - da war er aber schon geschieden, und die Anja lebte bei der
Mutter (also eben GeBe und die Anja und die Mutter lebten dort in der
Salzbrunner Straße) -, da sagt sie mir am Telefon, "GeBe ist eben
los", sie sagt, "der ist bepackt wie ein Weihnachtsmann und zittert
am ganzen Körper, auch wie ein Weihnachtsmann, vor Freude, der eine Bescherung
macht, und der jemanden wieder sieht, und – naja - also er kam mit der Taxe
her, kommt hoch: der ganze Körper flog - der ganze Mensch flog! Und etwas, was
er sonst nie getan hat und hätte, das war das erste, als er rein kam, also
erstmal schweißgebadet und uns furchtbar gedrückt und uns gefreut und - - -
dann stand er vor mir wie ein kleiner Schuljunge und sagt: "Waltraud -,
und ich lass mir auch die Zähne machen!"
P.: (Ich
muss ganz gerührt lachen,)
K.: Also ich
sag: "Mensch, du, das ist doch so was Unwichtiges! Das war richtiger
Quatsch, was du jetzt gesagt hast."
Menschen, die ich kenne -
ob der rasiert ist oder nicht, also das sehe ich nicht, das interessiert mich
den Moment überhaupt nicht. "Und", sagt er, "pass auf, wenn ich
ein Bier trinken will: ich frag dann." Ich sage: "Was darf ich denn
im Hause haben? Schnaps doch wohl auf keinen Fall." Ich sage: "Ich
möchte dir helfen und dir damit nicht schaden."
P.: Aber
einen Entzug hat er nicht mal mitgemacht?
K.: Doch! Er
hatte oft genug -, aber es ist nicht gelungen, - es ist nicht gelungen. Und da
habe ich dann gesagt: "Bier?" (Vier oder sechs Flaschen - naja -, die
hatte ich dann gekauft.)
Und dann hat er Belag
mitgebracht, Belag! Also soviel Belag wie -. Käse - so ein Stück! Ich sage:
"Mensch, GeBe, - -."
Abb. 8
"Ja", sagt er,
"ich "bin so voller Freude, in mir ist alles so, so sonnig." Er
sagt: "Und schon wenn du lachst, und deine Augen -, du bist so -."
Ach, also er fand das immer zu schön. Ja, er fand das regelrecht herrlich.
P.: Wieso
war er denn dann so lange nicht da, wenn er sich so gefreut hat darüber?
K.: Ja nun,
das war das eben, wo ich annehme, dass ihn dieser Kummer mit der Jutta
innerlich -. Und es war ihm irgendwie innerlich nicht hübsch, sich mir zu
offenbaren. Ja er fand es eventuell - ich weiß es nicht, fand er es banal, oder
- ich weiß es nicht, warum -, denn es war die Zeit. Und das hat ihn wohl auch
irgendwie sehr kaputt gemacht, und die Trinkerei wurde immer schlimmer dadurch.
Er hat immer mehr in sich hineingekippt. Es lief ja gleich rein.
Das war natürlich -, es war
eine körperliche Zerstörung, die er vorgenommen hat - ganz bewusst. Und darum
ist dieses Magenbluten, dieser Magendurchbruch, ist das dann auch entstanden.
Und es waren zwei Jahre eben, die wir uns nicht gesehen haben, da muss das wohl
eben sich dermaßen zugespitzt haben mit seinem Trinken -. Auch so - wie ich es
ja eben von der Mutter höre, dass er selbst die Alkohol-Taschentücher -.
Der hatte einen Kopf - sie
sagt, der hatte einen Kopf gehabt nach dem wie ein regelrecht roter Luftballon
- ganz aufgeblasen -, wo man dachte, wenn man reinpiekt, dass alles zerplatzt.
Bloß, dass er das auch geistig verkraften konnte, dass das keine Gehirnschäden
gegeben hat, das hat mich gewundert.
Ja. Ja nun wollte er völlig
davon weg,
"und ich schaff das auch und verkrafte es auch"
und dann: "Pass mal auf, ich weiß, du hilfst mir dabei, und -".
Und dann saß er hier und fing auch an zu zittern.
Er sagt: "Gib mir - wenn ich sage, 'n Bier,"
er sagt, "gib's mir nicht!"
Ich sage: "Nein nein, ich weiß schon, was ich - wie ich dich nehmen
muss."
Ich sage: "Ich weiß das schon."
Ich sage: "Und wenn -",
ich sage: "Auch wenn du
zwei Jahre nicht hier warst, GeBe",
ich sage: "ist das hier nach wie vor -, betrachtest du mein Heim als
deins."
Ich sage: "Wenn dir danach ist, dass du dich irgendwie langlegen
musst,"
ich sage: "Ich weiß es jetzt nicht, wie -, wie du tust,"
ich sage: "aber wie du auch immer gewohnt zu tun bist,"
ich sage: "tue es!" Ich sage: "Nimm keine Rücksicht,
nicht?"
Er war ja nun auch - oh,
ich hab ja dann Lappen gemacht -, dem lief ja der Sehweiß runter vor - hm.
Schlimm! Es tat mir so weh, das zu sehn.
P.: Das ist
dann ja doch ein ganz unglückliches Leben gewesen.
K.: Ja,
natürlich war's ein unglückliches Leben.
Die Tonbandkassette ist hier zu Ende, und ich lege
keine neue mehr ein.
Ja, ob sie mir wirklich
geholfen habe, wisse sie nicht, sagt Frau Kotz. Er sei doch so weich gewesen,
habe, wenn andere gelacht hätten, gedacht, sie würden über ihn lachen, und dann
habe er ganz wild werden können. Er habe Angst gehabt, lächerlich zu sein. Man
sprach zu ihr davon, dass er sich einpinkelt. Nein, daran habe sie nicht
gedacht. Ja, sie sei schon ein "Müllschlucker"; auch ihre Tochter ...
Sie sei froh, dass sie noch so fest sei, obwohl ihr Seelenkostüm ja aussehen
müsse "wie ein Fischernetz".
Zum Abschied fasst sie mir
mit beiden Händen schnell an die Wangen. Ich drücke ihr die Rechte mit beiden
Händen, nachdem ich meine Mütze schon vorsorglich nicht in der Linken behalten,
sondern unter den Arm geklemmt habe.
Auf der Straße sehe ich
Frau Kotz noch ans dem Fenster winken. Ihr rechter Arm beschreibt dabei einen
großen Halbkreis.
(In der nächsten Kneipe an
der Ecke, wo ich mich setzen muss, zieht ein junger Vater mit klugen Augen den
Flachmann aus der Tasche und schenkt sich und seiner Frau verschmitzt ein. Zwei
hübsche Kinder schauen zu.)
Abb. 9
Sigurd
Kuschnerus hatte mir empfohlen, den "Graetz", einen Bekannten von Günter Bruno Fuchs zu besuchen: Abends in der Kneipe oder in seinem Küchen-Trödel-Laden am Mehringdamm
gleich nach der Bergmannstraße, linke Seite in
Richtung Flughafen.
Die
Geschäftsfassade verrät
Sinn für modernes Design. Alles ein bisschen
angekratzt. An der Tür ein Zettel: "Komme
in 20 Minuten wieder (17°°)" Es ist jetzt 14
Uhr an irgendeinem anderen Tag. Durch das Glas sehe ich in den Zimmerecken den
herein getragenen Splitt von der salzlosen Streuaktion draußen zusammengetragen. Ich rauche noch zwei Zigaretten, dann gehe ich
wieder.
Klaus
Wagenbach hat in seinem Verlag 1967 ein Buch von GBF herausgebracht und 1971 im
SPIEGEL über GBF geschrieben.
Ich
habe etwas Angst, ihn zu besuchen. Schließlich ist er eine der
Gallionsfiguren der intellektuellen Opposition in Deutschland, und gerade bei
diesem meiner Wahlväter möchte ich nicht in schlechtem Licht erscheinen.
Ich
bin überrascht: der Wagenbach Verlag füllt gerade eine halbe Etage, eine größere
Wohnung in einem älteren Berliner Mietshaus.
Keine Leuchtschrift, nur ein Name neben anderen weist mich in den zweiten
Stock. Erst nach langem Überlegen habe ich
beschlossen, Klaus Wagenbach zu siezen - ich bin wohl doch nicht sein "Genosse", und er ist 51 Jahre alt.
Propp: Sie haben in einer Rede
zur Verleihung des "Kritikerpreises für Literatur" als
Absichten Ihres Verlages genannt: "Anarchie, Geschichtsbewusstsein und Hedonismus"[11],
und der Günter Bruno Fuchs passt - glaube ich - ganz
gut zur Anarchie. Er hat sich von niemandem in Dienst nehmen lassen und jede
Form von Obrigkeit ausgelacht. Jetzt hat er aber, obwohl er doch immer eine
sehr kritische Position bezogen hat, sich nie konkret zu Tagesfragen geäußert, zu bestimmten Politikern,
Gewerkschaftsfragen oder Ähnlichem. Da hat er seine
Position immer im Unklaren gelassen. Warum? Das verstehe ich nicht so ganz.
Wagenbach: Das ist aber ein Unverständnis ihrer Generation, das heißt, ein Unverständnis einer ganzen Generation - nicht durch eigene Schuld, sondern
durch unsere, die der Älteren -, die einen
Literaturbegriff bekommen hat, der darauf hinausläuft,
die Realität sozusagen als Realität darzustellen, so, als könne man das. Das heißt, einem älteren Herrn, wie mir zum
Beispiel, würde so eine Frage gar
nicht einfallen. Zum Beispiel, wenn ich jetzt die Zeitung aufschlage, über die Instandbesetzungen lese und das auch von Genossen höre, von Freunden höre, fällt mir als einer der wenigen literarischen Texte natürlich sofort der Text von Günter Bruno Fuchs ein:
"Geschichte von der Ansprache anlässlich einiger Vorfälle in der Innenstadt", die ich auswendig noch kann, oder wenigstens
größere Teile. "Der Hausbesitzer ist Keller und
Boden in einer Person. Wir wollen wieder in ruhigen Etagen leben. Gerade jetzt
auch einstimmig." Ja das ist doch -, das ist ein hochpolitischer Text, der
nur eben nicht sagt: "Sauerei!", und: "Die jungen Leute, die müssen da jetzt die Häuser besetzen!",
sondern der von der Sache selber spricht und sagt: "Der Hausbesitzer ist
Dach und Keller in einer Person.", das heißt,
der die Besitzverhältnisse beschreibt und
davon redet, was das heißt! Ich habe jetzt einen
wichtigen Satz vergessen, der lautet: "Dazwischen leben wir." -
nicht? -, zwischen denen sozusagen - nicht? -. Wo er sozusagen also diese
Einquetschung zum Beispiel - nicht? - des Lebens - nicht? -
"dazwischen!" - unmittelbar beschreibt. Ohne - wirklich! -, ohne viele Worte, denn die ganze Geschichte ist ja so
klein.[12]
Und
das zweite ist ein literarischer Grund, und der hängt
mit einem Unverständnis gegenüber den richtigen, sinnvollen und notwendigen Absichten der
Belletristik zusammen, die in Ihrer Generation vorliegen. Das ist nun so, wir
werden es so schnell nicht ändern, und wir sind
selber daran schuld.
P.: Also ich denke auch
nicht, dass die Literatur eine Struktur annehmen muss, die immer gleich das
nennt, was jeder sowieso schon weiß, und was schon viel zu
oft gesagt worden ist.
W.: Da sind wir
einverstanden.
P.: Das denke ich. Bloß es gibt ja nun auch noch verschiedene Möglichkeiten,
sich in der Öffentlichkeit zu äußern, Besitzverhältnisse und Umgangsformen konkreter anzusprechen. Und ich kann mir
vorstellen, dass Günter Bruno Fuchs deswegen
auch ein bisschen unbekannt geblieben ist, weil er das nicht getan hat.
Unbekannt
geblieben einmal bei den einen, für die er einfach kein
lohnender Feind war, aber auch bei den anderen, die ihn eigentlich als einen
der ihren hätten kennen sollen.
W.: Ja. Das ist eine Frage,
die in der Tat spannend ist.
Ich
habe ja - wie Sie vielleicht wissen - auch mein Bestes getan. Als der SPIEGEL
ein einziges Mal gerne eine Rezension von mir haben wollte, habe ich das sofort
benutzt und zwei Seiten über Günter Bruno Fuchs geschrieben. Natürlich nicht über das Buch, was bei uns erschienen ist, sondern über das Lesebuch, und ich habe versucht - in der Zeit! -, auch den
Linken klarzumachen, warum das ein linker Autor ist, und warum der was mit uns
zu tun hat. Das Ergebnis war lächerlich.
P.: Die Resonanz darauf?
W.: Ja. Ich habe dann mal
den Hanser-Verlag ein paar Monate später gefragt: "Wie
ist denn das so?" "Ja, wir haben ein paar hundert Exemplare mehr
verkauft, aber im Ganzen war es ein Schlag ins Wasser."
Das
hängt damit zusammen - jetzt kommen wir auf die
Fehler meiner Generation -, dass die Linke dem Fuchs gegenüber dümmer war, als die Rechte.
Die rechte oder die konservative Kritik hat natürlicherweise
sofort erkannt: das ist ein linker Autor. Der redet von Hausbesitzern, der ist
gegen die Polizei ganz eindeutig - oder?
P.: Naja, sie haben ihn ganz
positiv besprochen, zum Beispiel in der FAZ.[13]
W.: Also das müsste man sich
genau ansehen, was da positiv besprochen worden ist; und zweitens - selbst,
wenn es so ist -, warum es wirkungslos geblieben ist. Denn das steht ja fest:
Die Wirkung von Fuchs war zu seinen Lebzeiten und ist auch bis heute sehr
gering. Die Auflagen waren klein.
Jeder,
der sich mit Literatur beschäftigt, kannte natürlich seinen Namen, und das ist auch gar keine Frage, dass seine
Qualität und seine Bedeutung als Autor zu seinen
Lebzeiten von einem kleineren Kreis ganz richtig gesehen wurde.
P.: Vor allem die Dichter
haben ihn gekannt.
W.: Die Kollegen kannten
ihn. Also es war nicht so, dass er unterschätzt wurde ganz allgemein,
sondern die Schätzung - und auch eine
hohe Schätzung - war beschränkt auf einen kleineren Kreis. Gut.
Mein
Erklärungsversuch ist: Die Rechte hat ihn als einen
linken Autor erkannt, oder jedenfalls nicht goutiert, weil er von solchen
unangenehmen Sachen wie von Besitzverhältnissen, von Polizisten,
von der "Ordnung" ganz allgemein (die in unserem Land ja besonders
hoch geschätzt wird, und die er überhaupt nicht schätzte) spricht, und zwar
kritisch. Das war kein Autor.
Also
das hat die Rechte irgendwie erkannt, und ich muss sagen, auch richtig erkannt.
Wie auch immer einzelne Kritiken gewesen sein mögen,
im Kern war der Fuchs kein Autor des bürgerlichen Publikums. Das
kann man .nicht sagen, da müssten andere Zahlen vorliegen.
P.: Er hat ja auch nicht über etwas geschrieben, was für die interessant war,
oder was die wissen wollten.
W.: Ja. Es war entweder so
versponnenes Zeug, oder so unordentliches oder antiautoritäres Zeug -. Das sind alles so'n bissel so Sachen, die eigentlich das Bürgertum - besonders das feinere - nicht interessieren. Gut.
Die
Linke!
Jetzt
muss man allerdings sagen, die Linke zur Zeit der möglichen Wirkung von Fuchs. Die hat ihn ja auch nicht erkannt.
Also
wenn man jetzt zum Beispiel gerade Handke nimmt. Der Handke, der heute ja ein
Autor des Bürgertums ist, der war ein
Autor der Linken, der wurde von den Linken groß
gemacht. Das heißt, es gab ja Autoren, die
im Kern viel bürgerlicher sind, auch im
ganzen Lebensstil, im Argumentationsstil als der Fuchs, die mehr Glück hatten offensichtlich, die waren zuerst Starautoren der Linken und
sind heute Starautoren des Bürgertums. Das ist auch
ein bisschen bei Thomas Bernhard der Fall, beim Botho Strauß werden wir es noch erleben. Da denkt man ja als Verleger ein bissel
praktischer bei solchen Fragen. Man sieht da auch, wie so ein Autor sich da
ganz geschickt ein Publikum verschafft über ein Jahrzehnt hinweg.
Diese Fähigkeit zum Beispiel hatte der Fuchs überhaupt nicht - überhaupt nicht! Der Fuchs
-, wenn der jemanden nicht mochte, dann gab der dem das irgendwie auch zu
erkennen. Der war sehr liebenswürdig, Fuchs war ungeheuer
liebenswürdig, aber irgendwann platzte ihm dann
auch der Geduldsfaden, und er sagte dann eben solche merkwürdigen Sätze wie: "Es
scheint, mein Herr, dass es sich bei ihnen um eine
Art Penner handelt." Nicht? - oder so. Und dann war da natürlich erst mal Funkstille für die nächsten fünf Minuten. Das machte er
auch mit Kritikern - der war da vollkommen hemmungslos.
Er
war eben wirklich im besten Sinne des Wortes ein unabhängiger Mensch - und ein freier Mensch auch.
Es
gab ja natürlicherweise in der Studentenbewegung
unendlich viele Linke, die auch das waren, was der Fuchs einen Penner nannte.
Also Bürokraten, die jedes Manifest, das sie
verfassten, am liebsten einem Autor nicht nur zur
Unterschrift vorgelegt hätten, sondern da musste
man in Druckbuchstaben das auch noch daneben schreiben - das war ja noch vielleicht gegangen, aber am besten auch noch von der
Polizei beglaubigt, nicht? Das war dieser Teil der Linken, der dann hinterher
diese wahnsinnigen Parteigründungen machte: PLPI und
MLAO und KPD.
P.: Ja zu der Zeit hat der
Fuchs geschrieben: "Bericht eines Bremer Stadtmusikanten" und
"Ein dicker Mann wandert". Dass das zu den Leuten nicht gepasst hat, dass die das überhaupt nicht lesen
konnten, das ist mir auch klar.
W.: Ja, es ist aber 'ne
Zeitfrage, nicht? Denn wenn man heute jemandem sagt, "ein dicker Mann muss
auch mal wandern!", dann findet man bei jungen Leuten da keinen
Widerstand. Da sagen die: "Ja, das ist ja auch mal ganz lustig, mal
wandern und so. Ich wollte schon immer mal aufs Land." (Wir lachen, T.P.)
Deswegen
sage ich, das war ein Zusammenstoß des Unverständnisses in einer bestimmten Zeit zwischen dem Fuchs und der Linken.
P.: Da war er aber auch sehr
störrisch, er ist dabei geblieben, da gab es nichts.
W.: Ja, und das habe ich
sehr geschätzt an ihm: er war nicht korrumpierbar.
Und das in einer Situation, die ihn ganz stark von anderen Autoren unterschied,
nämlich in einer Situation des ständigen Geldmangels. Der Fuchs hatte überhaupt
nie Geld. Was ich dem schon Projekte bezahlt habe, zu denen es nie kam - ich
weiß nicht, was! -, ein Schimpf-Lexikon und die
wahnsinnigsten Sachen. Immer Vorschuss 1000 Mark.
Er
hatte nie Geld und war aber nicht jemand, der nun mit einem Jaguar vorfuhr oder
sonst was. Der fuhr sowieso kein Auto. Autos hasste
er, fand er lästig, das war
"widerlich, Blödsinn, wo man doch Füße hat!", "Blödsinn", wie er immer
sagt, "wo man doch Füße hat."
Also er war gar niemand, der in irgendeiner Weise einen aufwendigen Lebensstil
hatte, in keiner Weise. Das einzige, was sehr exzessiv war, war eben Suffen,
das war so. Aber Bier -, da kann man wirklich kein Vermögen mit weg saufen.
P.: Hat er
auch gerne gut gegessen?
W.: Ja. Sehr
Berlinerisch. Fuchs war in einem bestimmten Punkt ein Prolet - im positiven
Sinn. Der aß einfach, aber viel. Ich habe den Fuchs zum Beispiel nie Champagner
trinken sehen, nein, Bier war ja schon gut. Bier war ja schon was Feines.
P.: Und
Doornkat war schon zu teuer.
W.:
Doornkat, also Doornkat, das war dann schon -, das war dann schon ein Fest -
nicht? -, also das Normale waren diese Körnchen, das Öffnen der Kneipentür mit
dem Ruf: "Bitte einen Doppelstöckigen!", oder in besseren Launen:
"Bitte einen fünffachen Doppelstöckigen!"
P.:
"Wer da mitfliegen könnte!" [14]
W.: Ja - ja
- genau, diese Geschichte. Gut.
Abb. 10
Und das, das muss man sich
eben ein bissel vorstellen, nachdem da also feststand, dass der Fuchs auf der
Seite der Studenten stand. Er hat das ja auch mit unterschrieben; erstmal das
mit Ohnesorg und so -, und hier und da eben. Das hat natürlich das Bürgertum
auch gelesen, diesen Namen dort, und der stand da auch vollkommen richtig, und
der Name von Fachs fehlt auch wiederum auf späteren Manifesten, die ganz anders
waren, nicht ohne Grund,
Wer hat ihn denn dazu
gebracht, da zu unterschreiben? Der war doch in keinen Komitees oder sonst was
drin.
Nein -. Ich habe ihn
manchmal angerufen: "Günter Bruno, hier ist so'n Dings, willst du
unterschreiben?" Da hat er gesagt: "Jo, kannst du machen,
wunderbar." Nicht? - und so. Das ging ja alles per Telefon. Damals war er
in Berlin, und da hat man sich angerufen, und da war das natürlich. Als der
Benno Ohnesorg erschossen wurde - unentwegt traf man sich, jeder sagt:
"Was machen wir jetzt?"
Hat er überhaupt Bescheid
gewusst in der Tagespolitik und so Sachen?
Nein, das kann man in dem
Sinne nicht sagen. Er war kein Zeitungsleser. Aber er war ein Kenner der
politischen Umstände, zum Beispiel auch ein großer Kenner der DDR-Umstände. Und
nicht nur, weil er dort gelebt hatte, sondern weil er auch öfters hinging, da
auch Freunde hatte, Kunert, den Bobrowski besuchen.
Abb. 11, mit Günter Kunert
So haben wir uns ja - glaube
ich - kennen gelernt, '62 oder '63 durch Bobrowski, wenn ich nicht sehr irre.
Ich wurde da zum korrespondierenden Mitglied des Friedrichshagener
Dichterkreises gewählt, dem der Bieler angehörte, der Bobrowski und der Fuchs,
der eigentlich nur aus Präsidenten bestand, und die Präsidenten hatten immer
Recht. Das war die einzige Satzung: Alle Mitglieder waren zugleich Präsident,
und jeder Präsident hatte zugleich Recht. Da gab es diese drei Präsidenten und
ein korrespondierendes Mitglied, das war ich.
P.: Das
hatte aber nicht immer Recht?
W.: Das
musste sich dann irgendwie einem dieser drei Präsidenten anschließen.
Naja nun -. Dieser dicke,
ironische, freundliche, von Grund auf politische Mann, der sehr genau sein
deutsches Volk kannte (Deutsche konnte er sehr gut einschätzen, bei Ausländern
wusste er nicht so Bescheid), der kommt nun mit diesen wenig lebenserfahrenen,
schnell anpolitisierten, flott die Revolution auf der Zunge führenden Studenten
zusammen - das ging einfach nicht gut. Der hat einfach gelacht. Das muss man
sich auch vorstellen, was damals los war. Das kann man nachlesen im Kursbuch
14.[15]
Da haben der Dutschke, der Enzensberger, der Rabehl sich ernsthaft darüber
unterhalten, was man ein Jahr nach dem Sieg der Revolution in Westberlin macht.
Da hat der Günter Bruno natürlich gelacht.
Zu der Zeit, als er dieses
Buch "Der verratene Messias" über den Borchert geschrieben hat,
Anfang der 50er Jahre, da war er noch sehr hoffnungsvoll, dass man mit einem
"mobilisierenden Wort"[16]
etwas verändern und bewirken könne. Als er dann aber gesehen hat, dass sich so
leicht nichts ändert, da muss er unheimlich enttäuscht gewesen sein - glaube
ich -, und deshalb ist er dann vielleicht auch so nach und nach immer mehr
abgedriftet, weil jedes Engagement so wirkungslos geblieben ist.
W.: Ich weiß
nicht, was Sie mit "abgedriftet" meinen!
P.: Na, ich
komme gerade von der Frau Kotz. Frau Kotz ist die Nachbarin von der zinke gewesen. Die hat ihn bis zuletzt
gekannt, und die hat erzählt, dass es ihm zum Schluss ganz dreckig ging, dass
er auch wirklich Alkoholiker war -, na und so weiter, mit allem was man weiß,
dass es damit zusammenhängt.
W.: Was
heißt "war"? Das war er, solange ich ihn kannte. Ja -, natürlich,
aber das ist eine ganz andere Sache. Das ist das normale Schicksal eines
Alkoholikers. Der Fuchs - solange ich ihn kannte, war er Quartalssäufer, immer
gewesen. Und ein Quartalssäufer - und das wissen auch Quartalssäufer -, der
stirbt nach 15 Jahren, so nach dem 12., 15., 18. Jahr. Das, sagt einem jeder
Arzt, hält keine Leber aus. Und so ist der Günter Bruno auch eben gestorben.
Gut. Das habe ich - als mittlerer Alkoholiker - wirklich oft ihm gesagt. Ich
hab gesagt: "Günter Bruno, du weeßt dit?", "Ja ja, weiß
ich!" und so. Das wusste er. Gut. Und die letzten Jahre waren grauenhaft.
Grauenhaft! Er ging wirklich auf allen Vieren in die Kneipe - das ist eine
andere Sache. Nein, davon rede ich jetzt nicht, ich rede von seiner politischen
Haltung, von seinem Werk.
Das war auch einer, der aus
Erfahrung sprach, der eine ganz andere Biografie hatte, als Autoren heute.
Autoren heute, da liest man die Biografien und staunt ja bloß. Da heißt es:
"Machte mit 19 Abitur, fing dann Germanistik an zu studieren und ist heute
Assistent in -." Mit 35 -. Das ist heute ein Schriftsteller. Während der Fuchs -,
der war Schulhelfer und - ich weiß nicht - Lastenträger, der hatte ja wirklich
die wahnsinnigsten Berufe: Puppenspieler und sonst was.
P.: Er hat
auch mal Kärtchen mit Gedichten drauf verkauft und versucht, davon zu leben.
W.: Ja, ja er
machte unendlich viele Versuche, um überhaupt von irgendetwas zu leben, und ist
auch ein relativ später Autor. Also jetzt der Autor, der er ist.
Der Fuchs hatte eine völlig
andere Lebenserfahrung, Da kamen wir auch gut miteinander aus, weil ich in
Tegel geboren bin - ooch bei die Proleten -und aufgewachsen; da habe ich mich
immer mit dem Fuchs verständigen können. Der hatte eine andere Sichtweise auf
Leute.
Also zum Beispiel ließ der
sich überhaupt nicht irritieren, wenn ihm gesagt wurde, das ist ein Rechter
oder das ist ein Linker. Das interessierte ihn gar nicht, das beurteilte er
selber und mit Recht.
Das habe ich in vielen
Situationen erlebt, wo der Fuchs ein freies Urteil hatte gegenüber Menschen,
und mit irgendeinem Popen ungeheuer lustig gesoffen hat, und mit irgendeinem
linken Sozi überhaupt nicht konnte und umgekehrt, weil: der ging nach den
Leuten, nicht?
Und insbesondere in Berlin
ist das ja nun sehr angebracht, wenn in einer Stadt also seit dreißig Jahren
dieselbe Partei reagiert (verbessert sich, T.P.:) - regiert (wir lachen über den Versprecher, T.P.), dann heißt
das ja, dass Karrieristen in die Partei drängen.
P.: Eine
Sache ist mir noch sehr aufgefallen bei Günter Bruno Fuchs, und zwar eine ganz
offensichtliche Reserviertheit bei der Darstellung von Frauen - eigentlich in
dem ganzen Werk.
W.: Ja,
natürlich! Der Fuchs, der vögelte mit Männern und mit Frauen, und bevorzugte -
insbesondere im Suff - eher Kerle. Das stimmt, ja.
P.: Das wagt
aber keiner so direkt auszusprechen. Zum Beispiel der Kuschnerus, der hat
gesagt, nein , mit Homosexualität da habe er gar nichts mit anfangen können und
sich nur drüber lustig gemacht.
W.: Ja, das
war die Homosexualität der fünfziger Jahre - oder der sechziger Jahre. Zum
Beispiel war da der berühmte Berliner Sackgriff. Also anstatt einer Begrüßung
fasste man sich an den Sack gegenseitig, was sehr komisch war. Der machte das
sehr lustig. Das waren so diese antiautoritären Elemente. Das machte er auch
mitten auf der Straße. Das war zum Beispiel unsere gängige Begrüßung - nicht?
-, und was meinst du, was da auf der Straße los war! Die Leute: "Was ist
denn hier los?!" Er war als Person für den normalen Bürger eine Provokation.
In jeder Hinsicht! Wie er redete - meistens war er auch noch besoffen -, wie er
handelte, wie schweinisch diese ständigen Gesänge mitten auf der Straße:
"Votze, Nille, Eierkuchen, jeder muss sein Glück versuchen!", das war
einer seiner Lieblingssprüche.
Natürlich, das war - das
würde ich einschränken -eine Homosexualität, die so etwas männerbündlerisches
hatte, so Kumpelhaftes, so unter Saufbrüdern. Inwieweit das ausgeübt wurde
jetzt in dem Wortsinn, das ist eine zweite Frage, aber dass da homosexuelle
Elemente drin waren - natürlich! Und sicher hat er auch mal mit Jungs
geschlafen, nehm ich schon an.
Und mit Frauen war das ein
bissel schwierig - nicht? -, aber eben so schwierig, wie es ist, wenn man eine
strenge Mutter hat. So schwierig war es mit Frauen.
Andererseits war er ja
verheiratet und hat auch ein Kind - Anja -, und das war rührend, wie er mit dem
Kind da umging. Er war ein wunderbarer Vater, das muss man ja wieder auch
sagen, das habe ich oft erlebt. Ich habe gesehen, wie er mit ihr rumgezogen
ist, wie er für sie die wunderbarsten Zeichnungen gemacht hat... Er war schon
ein sehr rührender und besorgter Vater. Wie er darauf bestand - da wollte ich
ihm immer davon abraten -, sie sollte ins humanistische Gymnasium. Ich habe
gesagt: "Günter Bruno, das muss ja nu wirklich nich sein!"
"Doch!", und: "Das ist die beste Schule, die Anja soll die beste
Schule haben!"
P.: Also so
ein Bildungsideal hat er gehabt?
W.: Ja
natürlich - als Aufsteiger! Na logisch doch!
Also wenn du aus dem Dreck
kommst, da wählst du natürlich das humanistische Gymnasium - nicht? Nur Leute,
die so aus dem mittleren oder niederen oder oberen Mittelstand kommen, die
sagen: Gesamtschule und so - ist doch logisch!
P.: Na, dann
hat er sich aber von diesem Aufsteigertum auch nicht so richtig freimachen
können.
W.: Niemand kann
sich von seiner Klasse frei machen. Ihre Reaktion darauf zeigt, dass sie nicht
aus dem Proletariat kommen. Das ist eine Frage der Perspektive.
P.: Ist ihm
eigentlich das Schreiben leicht gefallen? Und hat er nur zu Hause geschrieben, oder
auch zum Beispiel in der Kneipe?
W.: Eher
schwer. In der Kneipe überhaupt nicht - ich habe nicht mal gesehen, dass er
sich irgendwelche Notizen auf einem Bierdeckel gemacht hat oder so.
P.: Das war
also richtige Arbeit für ihn.
W.: Ja. Das
war eine richtige Arbeit zu Hause am Schreibtisch. Er hat es schwer gehabt mit
dem Schreiben. Er war kein Schreiber, der so runterschrieb.
P.: Hat er
manchmal auch nur geschrieben, damit wieder ein Buch rauskommt und Geld ran?
W.: Ja, er
hat manchmal eben gequält geschrieben. Wenn also der Hanser-Verlag zu ihm kommt
und sagt, schreib doch mal einen Roman. Das hing natürlich auch damit zusammen
- das habe ich vergessen im Zusammenhang mit der Frage, warum er so wenig
Erfolg hatte -, dass er sich auch nicht gängigen Erfolgskriterien unterwarf.
P.: Mussten
Sie ihm eigentlich hinterherlaufen, oder ist er selber gekommen mit seinen
Sachen?
W.: Na, wir
haben ja - bedauerlicherweise! - nur ein Buch zusammen gemacht, und da kam er
an. Der Titel ist von mir: "Zwischen Kopf und Kragen". Unter großem
Gelächter naben wir den also zusammen ausgeschnapselt - oder so, und das war
ein Vergnügen!
Er war ungeheuer
anspruchsvoll. Es war vollkommen selbstverständlich, dass ich für dieses Buch
von 80 Seiten oder was viele Tage zur Verfügung zu haben hatte.
Dann haben wir die
Geschichten in das Zimmer ausgelegt - so viel Text war es ja nicht -, und haben
die Zeichnungen daneben gelegt, und sind dann auf Zehenspitzen durch das ganze
Zimmer gewandert und haben gesagt: "Die Zeichnung könnte noch da hin, oder
dann habe ich dem Günter Bruno gesagt: "Hier fehlt aber 'ne Geschichte, da
musst du noch eine schreiben!" Oder: "Da fehlt 'ne Zeichnung!"
"Na gut, dann mach' ich noch eine Zeichnung!" Da war er ganz
produktiv, wenn er sah, und wenn ihm das auch einleuchtete, da fehlt eine
Zeichnung oder ein Text, dann hat er das gemacht.
Und dann blieb das für zwei
Tage eben so lange in dem Zimmer liegen. Dann ging meine Sekretärin (damals
hatte ich noch eine Sekretärin) auf den Zehenspitzen durchs Zimmer, damit wir
da nicht alles durcheinander brachten.
P.: Dann
frage ich mich schon die ganze Zeit, wieso macht der überall auf jedes Bild so
einen Stern rauf, diesen sechszackigen. Auf allen Hüten, in jedem Himmel is so
ein Ding drin!
W.: Ja, das
weiß ich auch nicht.
Wenn das noch ein
fünfzackiger wäre, da würde ich mir noch was bei denken können, aber - so wie
der Judenstern ist der, glaube ich.
W.: Ja, ich
weiß es nicht, fragen Sie mal die Mutter. Es ist richtig, ich kann das nur
bestätigen. Der Stern ist relativ häufig.
P.:
Vielleicht hat er sich mit den verfolgten Juden identifiziert?
W.: Ja, das
stimmt schon, nicht? Der Günter Bruno Fuchs war auch in dieser Hinsicht ein
ungeheuer angenehmer Mensch, weil er grundsätzlich - wie soll man das sagen?
- außer-antisemitisch war. Das kam gar nicht vor, das war für ihn gar kein
Problem, weil er eben Leute sowieso unabhängig davon beurteilte, ob sie Mann
oder Frau waren, ob sie alt oder jung, ob sie links oder rechts waren, ob
sie Jude oder nicht Jude waren - der guckte sich den an.
Da war eher eine Kategorie
für ihn, ob jemand dick oder dünn war.
Hier erfordern
Verlagsangelegenheiten die Aufmerksamkeit des Verlegers, und ich mache mich,
nachdem ich noch am Kopiergerät, das in der Küche neben der Kaffeemaschine
steht, Rezensionen kopiert habe, dünn.
Abb. 12
Frida Bobert, geborene
Fuchs, die Mutter ihres Sohnes, bewohnt im Berliner Bezirk Grunewald, einer
durchaus "besseren" Wohngegend, eine Dreizimmerwohnung, Küche, Bad.
Das Haus ist eines von den typischen mehrstöckigen, sich die Straße entlang
ziehenden Bauten des sozialen Wohnungsbaus der 40er Jahre, recht solide, kein
Altbau.
Frau Bobert, bei der ich
mich angemeldet habe, empfängt mich in ihrem Wohnzimmer, dessen Wände geschmückt
sind bis unter die Decke mit Bildern von GBF und anderen. Der Tür gegenüber
hängt weiß die Totenmaske. "Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption"
schreibt Walter Benjamin.[17]
Ich denke, vom Leben Günter Brunos werde ich nicht mehr erfahren als seine
Totenmaske.
Ich bin etwas befangen und
bleibe es bis zum Abschied. Ich habe das Gefühl, in etwas einzudringen, das zu
dicht, zu intim ist, um mich wirklich einlassen zu können.
Frau Bobert versorgt mich
mit Mineralwasser, lässt es sich nicht nehmen, dafür aufzustehen - "Wir
alten Leute müssen uns bewegen", sagt sie, und holt mir noch einen
Aschenbecher, Sie hat sich das Rauchen vor drei Wochen abgewöhnt. Aus dem
Radio: leise Musik.
Das Interview verläuft dann
sehr wenig chronologisch in Bezug auf das Leben ihres Sohnes. Immer wieder
kommen uns weit wegführende Einfälle. Um
die Lesbarkeit einigermaßen zu ermöglichen, war ich gezwungen, die ursprüngliche
Abschrift des Bandes so sehr zu zerstückeln und umzustellen, dass sie am Ende
bald zur Hälfte aus Pfeilen und Verweisen bestand. Einiges ging dabei verloren.
Zum Beispiel, dass Fragen nach der ersten Frau von GBF immer mit ganz etwas
anderem beantwortet und erst nach dreimaligem Nachfragen annähernd geklärt wurden.
Immer noch fehlende Zusammenhänge werden später in der Biografie hoffentlich hergestellt
werden können.
Bobert: Nun,
wissen Sie, ich kann meinen Sohn jetzt nicht in den Himmel heben, ich kann
jetzt nicht sagen, was das für ein gutes Kind war. Das ist nicht gut.
Propp: Ja,
ich sehe auf der einen Seite das, was er geschrieben hat, und das finde ich
wirklich sehr toll. Und jetzt sehe ich auf der anderen Seite - je mehr ich über
ihn erfahre -, dass da ein ganz schwieriges Leben dahinter gesteckt hat.
B.: Ja
wissen Sie, er wurde 1928 geboren, da war ja noch Ruhe, aber dann nachher ging
es ja schon politisch los.
P.: 1928, da
waren Sie hier in Berlin?
B.: Ja. Er
ist unehelich geboren, mein Sohn.
P.: Hat der
Vater eigentlich auch hier gewohnt?
B.: Ja. Wir
sind schon zusammen gekommen, aber wir haben nicht zusammen gewohnt. Sein Vater
wohnte in der Admiralstraße, mein Sohn ist auch in der Admiralstraße geboren,
und da habe ich auch gewohnt. Das Haus ist ja nun abgerissen. Das war ein
grausames Haus, also das hätte ja stehen bleiben müssen als Museum.
Diese ganze Partie hier
(Frau Bobert zeigt mir ein Bild, T.P.), und jetzt geht's noch rechts rum, das
war alles ein Haus. Das war alles ein Korridor, und in dem einen Korridor
lebten soundso viel Parteien, und wenn geklingelt wird, dann immer an der einen
Tür. "Ach zu wem wollten Sie? -Ah zu dem, dann gehn Se mal hinten, dritte
Tür links!" So. Toilette auf der Treppe. Das war das Haus.
Er ist ohne Vater
aufgewachsen, und meine Mutter war geschieden. Also waren wir ein männerloser
Haushalt.
P.: Hat er
sich gesehnt nach einem Vater?
B.: Ja,
sehr!
Mit wem er auch gerne
zusammen war, das war der V.O. Stomps, - wenn Sie den kennen.
P.: Ja, von
dem weiß ich auch ein bisschen.
B.: Mit dem
hatte er auch immer guten Kontakt und auch mit dem Schnell. Das hat sich aber
später doch etwas gelöst dann.
P.: Kann ich
die Musik ein bisschen leiser machen? Wegen der Aufnahme.
B.: Bei mir
ist das so, ich brauche immer Geräusche.
P.: Ach so,
dann lassen Sie es doch laufen.
B.: Nein,
nein, jetzt sprechen wir ja auch. Ich merke das gar nicht mit der Musik, weil
ich damit auch schlafen gehe. Ich kann auch nicht das Licht ausmachen.
P.: Das geht
ja vielen so.
B.: Das ist
aber erst, seitdem mein Sohn nicht mehr da ist, da habe ich immer das Licht an
und habe auch immer das Radio zu laufen. Ganz leise, aber es ist immer jemand
da - als wenn einer spricht...
Ich habe dann geheiratet -
das muss so 30/31 gewesen sein -.
P.: Konnte
der Günter Bruno was mit dem Mann anfangen?
B.: Nein.
Aber da lebte er ja zum größten Teil mit meiner Mutter zusammen. Da haben wir
uns bloß eben so besucht, und ich bin dann hingekommen. Na ja - ne doofe Zeit
für so ein Kind -, das muss ja auch furchtbar sein. Mit der Großmutter leben.
P.: Sie
wollten dann auch noch leben, und sich nicht immer nur um das Kind kümmern?
B.:
Wahrscheinlich - wahrscheinlich ja.
P.: Ist er
mit der Großmutter gut ausgekommen?
B.: Ja, die
hat sich so richtig festgebissen an ihm. Wenn er nicht so sprang, wie sie
wollte, dann war sie schnell beleidigt. Aber sie hatte ihm jeden Wunsch
erfüllt. Wenn dann nun Ostern oder Weihnachten war, da konnten sie anbringen,
was sie wollten, dann sagte er immer noch: "Was ist da noch, und was ist
da noch ...?" Das war ihm noch immer nicht genug.
Das kam daher, dass sie ihn
tatsächlich überhäuft hat. Aber das folgt eben aus diesem Verhältnis, dass dann
der ältere Mensch geliebt werden will und kauft sich die Liebe.
Ich musste dann erst nach
dem Tode meiner Mutter anfangen, dass er sich über einen Bonbon freute. Da musste
ich ihn erstmal ganz kurz halten. Das habe ich gemacht und auch geschafft.
P.: Hat Ihr Sohn
eigentlich viel mit anderen Kindern gespielt?
B.: Ja.
Solange meine Mutter lebte, hatte sie immer dafür gesorgt, dass er mit anderen
Kindern spielte. Aber sie hat auch immer dafür gesorgt, dass die ihm alles aus
dem Weg räumten. Er ist nicht irgend wie hart erzogen worden. Wenn die Kinder
kamen, ja dann mussten die ihm die Schuhe aufmachen und sowas alles.
Er wurde etwas verwöhnt und nachher auch von mir weiter, so dass er an und für
sich nicht ganz mit dem Leben allein fertig geworden ist.
(Frau Bobert war sieben
Jahre mit ihrem ersten Mann verheiratet, T.P.) Dann habe ich mich scheiden
lassen, da lebte meine Mutter noch. Dann starb meine Mutter 1938, und dann
waren wir beide alleine.
Na ja, und dann kam nachher
die Hitlerjugend und die Kinderlandverschickung mit der Schule.
P.: Wie fand
er die Kinderlandverschickung?
B.:
Wahrscheinlich gut. Zwei Mal hab ich ihn besucht, und das eine Mal, als ich
hinkam, da war er gerade dabei, mit einem Ziegelstein Kniebeugen zu machen.
Also da hatte er irgendwas falsch gemacht, hat sich gesträubt, irgendwas zu
machen. Na ich kam jedenfalls da an - das war bei Wien -, und denke, na da
musst du dich doch ein bisschen nett anziehen -; da steige ich aus dem Autobus
aus, und da sagt er: "Du kannst gleich wieder einsteigen!"
P.: Warum
sagt er denn sowas?
B.: Na ja,
wissen Sie, als Mutter musste ich immer wie eine Mutter aussehen. Ich durfte
nicht zu modern aussehen. Ich hatte mir dann einen neuen Hut gekauft und hatte
mir die Augenbrauen ein bisschen nachziehen lassen.
P.: Ist ihr
Sohn gerne in die Schule gegangen?
B.: Ach ja,
ich will mal sagen -, er war später ein Mensch, der ganz scharf auf die
Aussprache achtete.
Er konnte es zum Beispiel nicht vertragen, wenn einer sagte: "Sind sie
nicht auf dem Posten?" Das war schon etwas, das hat ihn in Rage gebracht.
Militärische Ausdrücke - "Nun schieß mal los!", das ist genau
dasselbe. Dann sagt er: "Ich hör wohl schlecht! Es kann ja jeder sich
richtig ausdrücken!"
Und wenn Sie mich jetzt
fragen, ob er gerne in die Schule gegangen ist, dann kann ich nur sagen, dass
er auch nicht ungerne gegangen ist. Aber was dann nachher kam - halb Schüler
und halb Flak-Abwehrmann zu sein -, das war ja ein bisschen anstrengend, nicht?
Das war mehr als anstrengend.
P.: Da
konnte man ja auch bei totgeschossen werden.
B.: Wieweit
ich mich nun damals mit ihm unterhalten habe über die Flakhelferzeit, weiß ich
nicht mehr.
P.: Sie
waren da auch immer arbeiten tagsüber?
B.: Immer.
Sein Vater zog dann nach
Prag, und dann wollte er, dass wir heiraten. Dann bin ich mit meinem Sehn nach
Prag gefahren - ich habe ihn da auch frei gekriegt für ein paar Tage -, da
haben wir uns alles angesehen, dann hat es uns nicht gefallen, und wir sind
wieder zurückgefahren nach Berlin.
P.: Na, das
war ja auch eine ganz andere Welt als hier.
B.: Ja, na
ja -, der Vater war auch sehr penibel -.
P.: Hat der
mehr Geld gehabt?
B.: Nein,
aber er legte Wert darauf, dass alles sehr sauber sein muss in einer Weise,
dass man, wenn man reinkommt, dachte, man ist im Möbelhaus. Ja, das sind alles
so Lebensansichten - jeder hat andere.
Wir waren zwei mal in Prag,
und dann haben wir aber doch nicht geheiratet.
Wenn ich sage,
"wir", dann stimmt das nämlich, denn ich habe mich mit meinem Sohn
immer abgesprochen. Ich habe gesagt: "Wollen wir heiraten?" Na ja,
und dann sind wir nach Berlin zurück.
Dann ist er zum
Arbeitsdienst gekommen nach Bremen, und ich bin ausgebombt, ja, und dann wusste
er nicht, wo ich bin, und ich wusste nicht, wo er ist.
Weil ich ausgebombt war,
bin ich dann nach Ostberlin gegangen. Da lernte ich den Bobert kennen, dessen Namen
ich jetzt trage, und in Ostberlin, da meldete sich mein Sohn, stand plötzlich
vor der Tür mit einem Anzug und Mantel und Aktentasche in der Hand, und ich
dachte, wo kommt er jetzt her? Ich sagte: "Musst du jetzt wieder
weg?", "Nein", sagte er, er bleibt hier, nur durch einen Pfarrer
habe er diese Privatsachen bekommen. Das war in der Prenzlauer Allee, Dezember
'45, da kam er also zurück aus der Gefangenschaft.
P.: Ich habe
einmal diese Erzählung "Polizeistunde" über den Kriegseinsatz des
Soldaten Freitag gelesen. Da hat er sicher auch eigene Erfahrungen mit
eingearbeitet. Hat er von dieser Zeit erzählt?
B.: Ja, ich
weiß nicht, ob er das in der Geschichte drin hat (nein, T.P.), jedenfalls hat
er mit mir darüber gesprochen. Da lag er auf der Erde, und ein Maulwurf war
unter ihm. Da wusste er nicht, was das nun für ein Zeichen war: Sollte er
aufstehen, oder sollte er weitergehen - nicht? -, weil dieser Maulwurf so unter
ihm grub.
P.: Hat er
gedacht, er wird jetzt auch begraben?
B.: Nein,
nein nein, er hat überlegt, was das für ein Zeichen ist, ob er weitergehen
soll. Denn er war ja noch nicht in dem Dorf, um sich nachher gefangen nehmen zu
lassen.
Und als er dann wieder hier
war, da ging er dann als Maurerlehrling und dann zur Baugewerbeschule und so
weiter.
P.: Er hat
ja wirklich unheimlich viele verschiedene Sachen gemacht.
B.: Ja,
wissen Sie, wenn einer nun die Möglichkeit hat, direkt zu studieren, dann
beschäftigt er sich damit ständig. Aber bei ihm war das ja so -sein Studium
waren ja die Lehrjahre direkt -, das war nicht, dass er nun eine Universität
ständig besucht hat, sondern er musste sich überall etwas rausklauben.
P.: Das ist
ja auch ganz schön teuer zu studieren.
B.: Eben,
das war ja damals auch gar nicht möglich. Er wollte erst Architekt werden, also
musste er auch Maurer werden, um überhaupt eine Ahnung zu haben.
Dann ist er aufgefallen
durch seine Zeichnungen, und dann hat man ihm gesagt, besuch die Hochschule für
Bildende Künste -, na ja, und dann hat sich das dann alles so ergeben, dass er
plötzlich nachher überhaupt nicht mehr für das Mauern war, sondern er hat sich
hingesetzt, hat Gedichte geschrieben und so weiter.
Und dann ging er nachher
als Schulhelfer. Das war in Ostberlin - da wohnten wir ja zu der Zeit. Und da
hat er Ärger gekriegt mit der Schulbehörde, weil er ein Stalinbild, das er im
Klassenzimmer aufhängen sollte, auf den Flur gehängt hatte an die Außentür von
seinem Zimmer. Und da sind sie gekommen und haben gefragt, und da hat er
gesagt: "Da wird er besser gesehen!" Und dann kam noch Pfingsten
dazu, da wurde der Direktor so madig gemacht, er hätte da irgendwie Einwände
gehabt, dass das für die Kinder, die da aus allen Gauen kamen, nicht gut genug
wäre -, und nur auf Stroh und so -. Na, also der Rektor wurde auch angeklagt,
und da gab es dann eine große Zusammenkunft an der Schule, und da hat mein Sohn
den Rektor verteidigt. Da war dann auch noch so eine Werbung für die
Hitlerjugend, und da hatte mein Sohn gesagt, ob es bei der Werbung auf
Quantität ankommt, oder auf Qualität. Na und da hat sich eine Erwachsene
gemeldet und hat gesagt, der Lehrer - also mein Sohn - würde dieses Kind in die
Enge treiben. Ach nee, Hitlerjugend war das nicht -, FDJ oder sowas. Da hat
mein Sohn gesagt, das ist doch kein In-die-Enge-Treiben, ich will doch nur
wissen bei der Werbung, ob es auf Qualität ankommt oder auf Quantität. Naja,
also jedenfalls wurde daraus ein großer Prozess gemacht. Und an dem Tage, an
dem der Prozess war - das war an einer Schule -, da kamen sie aus allen Gauen,
die ganzen Rektoren und so weiter.
Ich habe noch die Zeitung,
das "Neue Deutschland", wo die geschrieben haben, mein Sohn wäre
kriminell - so ungefähr. Also er hätte Unterschlagungen gemacht. So.
Als ich das dann in den
nächsten Tagen in der Zeitung las, bin ich zur Schule hin. Ich sage, ich bin
die Mutter und hätte gerne mal gewusst, ob ich wenigstens erfahren könnte,
welche Unterschlagungen er gemacht hat. Da sagt der Schulleiter: "Wissen sie,
er hat ja gar keine gemacht. Ich hab ja schon beim Neuen Deutschland angerufen,
aber die haben gesagt, was einmal drinsteht, bleibt drin stehn."
Da hatte ich mir dann einen
Termin zur Schulbehörde geben lassen, zu einer höheren Stelle noch, und als ich
dann nachher
den Termin hätte wahrnehmen können, da starb der Betreffende plötzlich.
Dann
ist mein Sohn Maurer gewesen. Na ja -, er hat ja mehr Spaß gemacht als gebaut, nicht? Er war ein sehr lustiger und heiterer
Mansch.
P.: Ist er da aus der Arbeit geflogen?
B.: Ach, das will ich nicht sagen, das war wohl im
beiderseitigen Einverständnis.
P.: In dem "Bericht eines Bremer
Stadtmusikanten", da kommt das ja auch vor, dass er immer die Straße weiterfegt und hinten haben sie ihn dann schon entlassen.
B.: (lacht, T.P.) - Es ist aber tatsächlich so, wissen Sie? - wirklich wahr! -, wir haben das Leben trotz
der vielen Erschwernisse so leicht genommen, das glauben Sie gar nicht.
Wenn
ich einmal verzweifelt war und sagte: "Günter,
wie soll denn das bloß weitergehen!?",
dann hat er mir das alles klar gemacht, und mit einem Mal war es, als wäre der helle Sonnenschein da, so dass ich mir gesagt habe, ja warum
hast du eigentlich geklagt, du hast doch überhaupt keinen Grund!
Mit 21 Jahren, 1949 hat
GBF einige der Gedichte, die er bis dahin geschrieben hat, für seine Mutter in deutsche Schrift gesetzt, die umfangreiche Anzahl
von Blättern mit Zeichnungen und
Girlanden versehen und binden lassen. Frau Bobert zeigt mir das Geschenk und
liest ein bisschen daraus vor:
Prologus
Blick ich zurück,
so find ich Glück
auf vielen meiner Wege,
doch wem ich nun das Danken gebe -
ich weiß nicht recht,
wem's ganz gebührt.
Ich fühlt' nur oft
und beug mich dem,
das dies Gefühl gebar:
dass immer neben mir das Paar
der liebe Gott und meine Mutter war.
Meine liebe Mama, meine gute Mutter!
Wenn ich Dir dieses Buch meiner jungen Poesie widme, so mag es wohl
der Absicht dienen, Dir einen Wanderstab für den Gang in die Welt
meiner Gedanken, meines Gefühls und Glaubens in die
Hand zu geben.
Als Ziel solcher Wanderung steht freilich das Erlebnis des Geschauten, das Glühen oder Stille-Werden des Betrachters.
Das Schönste ist jedoch immer die Freude. Aus ihr
fließt das Wasser, das heilende Nass in den kränkelnden Alltag des Herzens.
Sie soll es sein, die Du bei Dir haben magst zu jeder Stunde, da Dich mein Werk
erfreuen kann, da Dich manch Vers aufrichtet und wieder mutig werden lässt.
"Die Phantasme ist ein wunderlich Ding."
So sprechen viele.
Es ist wirklich so.
Sie besitzt den Menschen,
er gehört ihr,
er wird oft auch ein sonderlich Ding.
Der Phantast wird immer zum Sänger einer zweiten Welt.
Der nämlich, die jeweils über
der des Verstandes thront.
Jeder Satz hat in diesem Buch schon seinen Zweck erfüllt, wenn er Dir zum Wanderstab wird, mit dem man auch, wenn es sein
muss, einen lästigen Gesellen beschwören kann.
In alter Liebe mit vielen Küssen lege ich Dir diese
Arbeit heute an Deinem Geburtstage vor Dein großes
Herz, das das hohe Lied der Mutterliebe für mich immer klingen
lässt.
Baue sich jeder eine starke Festung gegen den Schmutz der Welt! Nehme
jeder zwei kräftige Balken, die da
Geist und Gott heißen. Vergesse aber niemand
den Querbalken, der da heißt: Humor.
(Zeilentrennung
und Interpunktion von mir, T.P.)
Abb. 13
P.: Und dann ging er mit
einem Mal zu seinem Vater nach Herne. Wollte der Vater denn plötzlich wieder was von ihm wissen?
B.: Der wollte immer was von
ihm wissen.
P.: Danach war er dann in
Reutlingen.
B.: Ja, da waren wir ein
paar Jahre, und da hat er dann eigentlich auch sein erstes Buch geschrieben.
Dann heiratete er während dieser Zeit in
Berlin seine erste Frau, die Gisela. Dann sind wir nachher nach Westdeutschland
alle drei - sie ist mitgekommen -, und in Westdeutschland haben wir eben
soundsoviele Jahre gelebt, und dann sind, wir wieder nach Berlin zurück.
Er
war noch gar nicht von seiner ersten Frau geschieden, da lernte er die zweite
Frau kennen. Er hatte eine Lesung im Amerikahaus, und da lernten sie sich
kennen. Da hat sie zugehört. Er war so begeistert
- wissen Sie, das ist eine Tragik, darüber kann man gar nicht
sprechen. Das ist auch schlecht, als Mutter von dem Sohn über die Schwiegertochter zu sprechen -.
P.: Mit der Jutta, seiner
zweiten Frau, hat er dann ja eine Tochter gehabt, die Anja. War die dann bis zu
seinem Tode bei Ihnen hier?
B.: Ja, mein Sohn hatte das
Sorgerecht. Aber erst vom fünften Lebensjahr an. Da
war dann die Scheidung ausgesprochen, und er hatte das Sorgerecht für die Anja bekommen - hauptsächlich deswegen, weil ich
im Haushalt war.
P.: Wollte die Mutter das
Kind überhaupt nehmen damals?
B.: Nein, die hat keinen
Wert darauf gelegt. Sie hat gesagt: "Ich brauche die Anja nicht." Und
die Anja hat ja auch immer gesagt: "Mein Vater kann ohne mich nicht leben,
meine Mutter kann ohne mich leben, dann bleibe ich bei meinem Vater."
P.: Die haben sich wohl
ziemlich gemocht.
B.: Ja.
Zu
der zweiten Frau habe ich keinen Kontakt - noch nie gehabt.
P.: Hat Ihr Sohn Ihnen seine
Sachen eigentlich immer vorgelesen?
Nein,
die musste ich schreiben.
P.: Aber sonst hat er doch
gerne vorgelesen?
B.: Ja, jedem anderen, aber
ich muss ihn vielleicht nervös gemacht haben, das kann
alles sein. Denn sehn Sie mal: Ich hatte ja das Kind, ich musste Schularbeiten
machen, musste Essen kochen, musste für ihn die Post erledigen
-, ich hab das ja alles gemacht.
Und
dann hat er mir Briefe diktiert - ich bin ja Stenotypistin gewesen, also konnte
er mir alles diktieren -, und dann hatte ich mein Buch voll, das musste auch
mal geschrieben werden. Und wenn er diktiert hat, dann hat er ziemlich langsam
diktiert. Ich bin mal dabei beinahe eingeschlafen. Ich dachte, du musst ruhig
sein, aber vielleicht hat er es an meinen Bewegungen gemerkt oder ich hab zu
viele Zigaretten geraucht, so dass er dann nachher auch
manchmal nervös wurde. Und dann habe
ich ihm ein Tonband gekauft. Ich sage: "Du wirst jetzt mit einem Tonband
arbeiten, das ist am allerbesten, und dann tippe ich das ab!" Naja, und
dann haben wir es gekauft, und dann hat er es ein Mal benutzt.
P.: Hat er eigentlich gern
geschrieben? Hat er dabei auch Spaß gehabt?
Abb. 14
Ja,
ja. Er hätte allerdings lieber ein Buch
geschrieben, als dass er ein Hörspiel geschrieben hat. Hörspiele hat er ja nun sehr viele geschrieben. Und da konnte man ja
auch von leben - na, was verdienen sie denn an einem Buch?
Manchmal
sind dann die Interessenten gekommen, und haben gesagt: "Verkaufst du
etwas von deinen Holzschnitten?" Da hat er mal eine Mappe zusammengestellt
zu Weihnachten, und dann haben die die Mappe mitgenommen zu Freunden - aber nur
zu Weihnachten. Aber ansonsten hätte er nie irgend etwas
zwischendurch verkauft. Dann hätte man ja gesagt, der
braucht wohl Geld!
P.: Na ja, das hat er doch
auch gebraucht? Ja, aber das muss ja keiner wissen! Dann fangen sie ja an zu hausieren
mit ihren Sachen. Das geht nicht, das kann man nicht machen.
Frau Bobert zeigt mir ein
paar von den "frühen" Bildern, die
ihr Sohn gemalt hat. Ich sehe eins, das mich etwas an Chagall erinnert:
P.: Unter dem einen steht ja
gar nicht- -.
B.: Ja, Sie sehen schon
richtig. Da steht gar nicht-, das stimmt.
P.: Was steht denn da?
B.: Ja, da steht: "CHR.
F.", und ich kann Ihnen nicht sagen, warum!
P.: Was ich Sie noch fragen wollte:
Warum hat er so oft diesen sechszackigen Stern auf seine Bilder gezeichnet?
B.: Das ist der Judenstern.
P.: Hat er denn mal etwas
mit den Juden zu tun gehabt?
B.: Nein, er hat nichts
damit zu tun gehabt, aber er hat mit gelitten!
P.: Weil das auch eine größere Minderheit war, die unterdrückt worden ist?
B.: Ja. Wie kann man überhaupt mitfühlen mit dem, was
geschehen ist?! Man kann ja nicht mitfühlen. Sie können ja nur mitfühlen durch eine Geste,
oder durch etwas, was sie aussagen. Das hat er eben durch den Stern ausgesagt.
Wissen
Sie, er hat mir früher in den jüngeren Jahren so viele Leute angebracht, das glauben Sie gar nicht. Welche,
die er auf der Straße aufgegriffen hat, die
aus dem Gefängnis gekommen sind, -
oder er ist gekommen und hat gesagt: "Mama, jetzt müssen wir mal unsere Lebensmittel teilen!" Ich sage: "Was ist
denn nun wieder los?" "Ja, ich habe da eine Familie kennen gelernt,
die hat nichts." Ich sage: "Mensch, wir haben doch aber auch
nichts!" "Davon musst du noch die Hälfte
weggeben!" Das ist wahr!
P.: Nee, so was kann ich mir
gar nicht vorstellen!
B.: Ja, es ist aber so
gewesen. Gerade in den schlechten Zeiten. Er ist zum Bahnhof gegangen, er hat
die belegten Brote hingebracht für die Leute.
P.: Vielleicht musste er
auch unbedingt viel verschenken Vielleicht hat er Angst gehabt, dass er sonst
nicht geliebt wird?
B.: Ja, vielleicht. Denn
wissen Sie, wo er hinging - auch wenn er irgend jmanden besuchte -, da ist er
nie mit leeren Händen hingegangen. Und wir
haben wirklich oft nicht gewusst, ob ich's holen kann. Dann hat er gesagt,
"ja, dann musst du das eben anschreiben lassen!"
Aber
er ist nicht gegangen unter einem Pfund Belag und Brot und Butter - alles hat
er mitgenommen.
P.: Er hat wohl oft wenig
Geld gehabt.
B.: Er war anspruchslos.
Wenn ich sagte: "Du müsstest mal wieder ein Paar Schuhe haben" oder
sowas, da hat er gesagt: "Ich hab ja ein Paar!" Und so war das auch
mit Hosen oder irgend etwas. So für seine Tochter - die
kriegte alles, was sie haben wollte. Aber er selbst war ganz anspruchslos.
P.: Hat er nicht Angst
gehabt, dass er sich dann so vom Äußeren her manchmal was verscherzt bei Leuten, auf die es ihm auch
wieder ankam?
B.: Das war ihm egal! Das
geht mir heute auch so. Das ist mir völlig egal, was die
Menschen denken.
P.: Das ist eine ehrliche
Einstellung, aber ich glaube, es ist schwer, damit zu leben.
B.: Wissen Sie, das ist ganz
einfach, damit zu leben. Wenn jetzt bei uns Besuch kam - das kann ja auch ein
Verleger gewesen sein (wir haben ja keine Verwandtschaft) -, und ich hätte jetzt ein Kaffeeservice auf den Tisch gestellt, ein passendes, wo
alles zusammenpasst, Sahnenäpfchen und alles das, da hat er mich belehrt. Da hat er gesagt, was
die Leute von mir denken oder von ihm, wenn er so ein Kaffeeservice auf den
Tisch stellt. Er liebte nur das Perfekte in seiner Arbeit.
P.: Naja, das ist ja auch
wieder ein Zwang, wenn es dann nicht stimmen durfte.
B.: Nein, nein. Und so bin
ich heute noch. Es ist mir vollkommen egal, ob jetzt zwei Gläser passen und das dritte Glas nicht oder irgendwas, und zu mir kommen
die Leute trotzdem. Was soll denn das?
Und
wissen Sie, ja -, er war so ein Mensch -, wenn ich jetzt sage, der Nachbar ist
gestorben, dann hätte er für sich eine Gedenkstunde eingelegt. So war er. Er hat mit gelitten mit
jedem, und er hätte auch in dieser Zeit,
die wir jetzt haben, die ja grausam ist, mit gelitten. Über die Jugend wird so gehetzt und geredet, und wenn ich dann zu den älteren Leuten sage, sagt mal, was könnt ihr denn der Jugend
bieten, was hat denn die für eine Zukunft. Lasst sie doch leben, wie sie leben wollen jetzt, das begreifen die nicht.
Es ist furchtbar. Ich bin schon ganz still und sage nichts mehr. Aber es ist
tatsächlich so. Dieses Leben: auf der einen Seite
dieser Reichtum, auf der anderen Seite die Armut; und das finden Sie überall, in jedem Land. Aber das -, da wäre
mein Sohn nicht mit fertig geworden.
Sie zeigt mir ein Bild,
das GBF darstellt. Sein Körper ist zusammengestückelt aus wie mit Schnüren aneinanderhängenden Platten. Auf dem Rücken trägt er einen großen Buckel wie einen Sack.
B.: Sehn Sie, das Bild ist
gemacht von einem Maler, der wohnt in Reutlingen, und der hat es aus dem Gedächtnis gemacht. Und als ich das gesehen habe bei ihm, da habe ich
gedacht, was soll das bedeuten? Und wissen Sie, ich bin erst nach langer Zeit
darauf gekommen. Das ist sein Inneres. Die Zerrissenheit, die in ihm war, die
Last, die er mit sich trug.
Ja,
hier sehen Sie auch noch die Flasche in der Hand. Das ist sein Inneres.
Das
(Frau Bobert zeigt mir ein Bild an der
Wand) hat dieser Maler auch mal - vor dreißig
Jahren - gemacht. Da hab ich immer gedacht früher:
Warum setzt er ihn da so traurig hin, warum setzt er ihn da so, als wenn er
alles so fallen lässt!? Das ist schon vor dreißig
Jahren gemacht, da hat der schon sein Inneres erkannt.
P.: Er hat ja versucht, da
noch einmal Ruhe zu finden in der Güntzelstraße.
B.: Ja, er war nur ein
Mensch, der konnte nicht allein sein. Als wir das gemietet haben, da ahnte ich schon,
was daraus wird. Wissen Sie, da lag er mal im Bett, und ich sagte zu ihm:
"Sag mal Günter, sprich dich doch
frei! Sag mir doch mal, was dich bedrückt."
"Ja, ist gut", sagt er, "morgen."
Ja und morgen hätte er dann wieder
gesagt: "übermorgen".
Und ein paar Tage später ist er wieder unten
und kommt mit einem Büchlein an, und schenkt
mir dieses Buch[18]. Also
was ich da nun gesagt habe, ist nicht an seinem Ohr vorbeigegangen. "Sag
an, lieber Junge", sprach sie, "und rede frei!" Ja, das ist so
im Buch geschrieben. Das ist auf Seite sieben. Ich dachte, er hört das nur so nebenbei und sagt nun "ja, morgen!" nur zur
Beruhigung meinetwegen. Und was er mir für Bücher geschenkt hat – alles mit Widmung.
Dann
war er auch ein Mensch, der war gegen jede Gewalt, Er wäre tatsächlich so gewesen: Wenn
du mir links eine gibst, dann gib mir auch noch rechts eine. Der hat das mit
einer ganz anderen Art gekonnt. Und alles andere, was nachher kam, das kam ja
durch die Krankheit.
P.: Ja, zum Schluss soll es
ihm sehr schlecht gegangen sein.
B.: Ja, trotzdem hätte ich nicht gedacht, als er wegging hier aus der Wohnung -. Nach
zwei Tagen, wenn er sich hingelegt hatte, sah er immer aus wie ein frisch gepflückter Apfel. Der hatte nie eine eingefallene Haut, oder eine raue
Haut, oder - nichts!
Abb. 15
In
der "Autorenbuchhandlung" am Savigny-Platz beim Kaffee sitzend werde
ich als Reisender in Sachen Günter Bruno Fuchs einem
Herrn Klaus-Peter Herbach vorgestellt, der GBF gekannt hat.
K.P.
Herbach war damals Redakteur bei der Berliner Literatur-Zeitschrift "Litfaß" und Vorsitzender des Vereins der den "Buchhändlerkeller" in der Carmerstr. 1 trägt. Er erzählt mir unter anderem:
Herbach: Ich erinnere mich übrigens auch ziemlich genau, wie ich dem Fuchs das erste Mal begegnet
bin. Damals passierte alles, was so Gemischt-Kultur-Bohemienszene war, in
Kreuzberg, und da gibt's ja diese Kneipe "Leierkasten", die damals
der mehr als Maler deutlich gewordene Kurt Mühlenhaupt betrieben hat,
und da gab's dann entsprechende Geschichten.
Am
Fuße des Kreuzbergs gab es einen riesigen
Bildermarkt, und ich weiß, nach einer dieser
Gelegenheiten bin ich irgendwann mal da hin gegangen, hab ein Bier getrunken.
Ich kannte die Szene da so
gut wie noch gar nicht, und da tauchte ein ungeheuer lamentierender kompakter
Mensch auf, der mit einer Schar von - ja ich weiß nicht - Verbündeten da
auftrat, und vor den gemischten Äußerungen aus sehr unterschiedlichen Sprachen
- Russisch, Deutsch, Berlinisch und sonst was - da also wirklich sehr
eindrucksvoll auftrat.
Und
das - hab ich mir dann erklären lassen – war also jener
Poet Fuchs, zu dem ich später also wirklich dann ganz freundliche Verbindungen
hergestellt habe. Immerhin, da war er halt neu.
Es
gab verschiedentlich die Situation, dass in der Akademie der Künste oder an anderen Plätzen in der Stadt
Lesungen mit dem Fuchs angesetzt waren, und er im letzten Moment dann immer von
irgend 'ner Attacke befallen war, nicht kommen konnte und kurzfristig abgesagt
hat. Da ist dann der Schnell für ihn eingesprungen und
hat seine Texte gelesen.
Wenn
er bei uns im Buchhändlerkeller lesen sollte
- jeden Donnerstag gibt es da Autorenlesungen -, da waren wir dann jedes mal
geneigt zu sehen, dass der Fuchs, wenn er
zugesagt hatte zu kommen, auch wirklich da war. Er kam manchmal mit 'ner
viertel Stunde Verspätung, aber immerhin, er
tauchte selber auf und hat dann da sehr gerne gelesen. Und er wusste dann also
auch, dass das 'ne vergleichsweise lockere und offene Geschichte ist, und dass das passt zu seinem Dasein.
Als
er das letzte Mal im Buchhändlerkeller gelesen hat -
das ist jetzt etwa vier, viereinhalb Jahre her -, da hab ich ihn dann nach
Hause gebracht. Er wohnte mal eine kurze Zeit getrennt von seiner Mutter hier
in der Bleibtreustraße und konnte aber mit
diesem berühmten Berliner Durchsteckschlüssel überhaupt nicht umgehen.
Und es war dann also in einem gehobenen Maß von Unnüchternheit schwierig, ihm das zu verdolmetschen. Irgendwie haben wir
das dann geschafft. Er ist so hinüber gewesen, dass er eigentlich
den Schlüssel dann mindestens nicht mehr abziehen
wollte von der anderen Seite.[19]
Ich
finde ihn auch ungeheuer - eigentlich auf eine verschrobene Weise - inventiös, und der ist dabei eigentlich immer - ein Aspekt, der vielleicht gar
nicht so vordergründig immer mit zu sehen
ist (oder vielleicht ist das auch das Schöne) -, er ist wirklich
nicht unpolitisch. Das darf man nicht übersehen!
Abb. 16

Kurt
Mühlenhaupt ist ein mittlerweile recht bekannter
"Miliöh"-Maler Berlins, der manchmal auch
Schilderungen schreibt. Die Fremdenverkehrswerbung verweist auf ihn. Zu der
Zeit, als er die zinke-Leute kennen
lernte, hatte er einen Trödel-Laden dort in der
Gegend.
Der
hat es geschafft, denke ich, als ich seine Adresse lese: "Sakrower
Kirchweg, Kladow". Der Große Wannsee, nur stündlich befahren vom Liniendampfer der Stern- und Kreisschiffahrt bis
19 Uhr oder "oben rum" eine ellenlange Auto- oder gar Busfahrt über Kladower Damm, Gatower Damm, Heerstraße usw. trennt ihn von Stadt und Kiez.
Am
Zaun vor bunt bemaltem Haus lädt ein Schild auch mich
zum Besuch des Künstlers an jedem Samstag
ein in die angrenzende Galerie.
Daselbst
sehe ich, es wird recht privat und festlich getafelt mit Kaffee und (wie ich
dann feststelle, ausgezeichnetem) Kuchen.
Erschöpft von der langen Anreise durch die Stadt und über das Wasser setze ich mich dreist - wie ich meine - dazu. Meine Nachbarin,
"auch nur so hereingeschneit", erklärt
mir, Frau Mühlenhaupt habe
Geburtstag. Curtchen, wie er sich selbst nennt, erzählt laut, selbstbewusst, effektvoll, wie er bei
einer Lesung bei den Anonymen Alkoholikern ganz aus Versehen ein Besäufnis glorios geschildert hat. Er selbst trinkt maßvoll Wein. Den von Touristen vermeintlich einfühlsam mitgebrachten Wodka lässt er sie wieder mitnehmen: "Den
kannste noch zu Hause trinken!"
Später kommen Herrschaften mit Pelzkragen, begackern ihn wie ein ulkiges
Tier ("Das werd' ich meinem Zeichen-Professor sagen, dass ich sie besucht
hab!") Curtchen ist herzlich, wirft hier und da Scherze ein, verkauft nun
Bilder. "Das ist das letzte, da bekommen sie keins mehr von nach! ...
Hier, ich male ihnen noch was rein, da ist das Buch gleich das Doppelte wert.
Das können sie dann später
auch antiquarisch verkaufen, aber das werden sie ja nicht tun."
Mit
zwei jugendlichen Touristen harre ich aus, bis alle Gäste ins Wohnhaus gegangen und die Sammler auch verschwunden sind. Wir
entdecken eine Ziehharmonika, Kurt Mühlenhaupt setzt sich ans
Harmonium. Ja, gibt er mir Recht, diese Musik sei immer traurig. An so ein
Instrument hätten ja früher auch die Missionare einen Neger rangehängt, seien damit durch den Busch gerannt und hätten auf diese Art andere eingefangen. Ja, und wir ließen uns zeitweilig eben auch noch mit einfangen.
Abb. 17, Kurt Mühlenhaupt
Wir
rüsten uns zum Gehen. Ich hatte vorher schon
gesagt, dass ich eigentlich ein Interview machen wollte mit ihm über Günter Bruno Fuchs, hatte
versucht, durch Reden über den Umgang mit
Sammlern ins Gespräch zu kommen über Schwierigkeiten eines Lebens vom Verkauf der Kunst.
Da
wollte er sich nicht drauf einlassen. Nein, richtig Geld habe er gemacht durch
den Kauf dieses Grundstückes hier . Damals hat er
200 000 dafür abbezahlt, jetzt ist es
zwei Millionen wert. Wenn er soviel mit dem Malen hätte verdienen wollen, da müsste er ja sonst wer sein.
Er macht das nicht fürs Geld.
Was
ich denn jetzt nu noch für Fragen hätte. Ich sage, ich hätte mich nun schon an den Wodka gehalten und
eigentlich
gar keine Lust mehr auf Günter Bruno Fuchs. Er
bringe bald ein Buch raus über Günter Bruno, sagt er, und was er mir sonst noch erzählen solle. Na ja. Er fängt an, ich stelle mein
Tonband auf den Tisch.
Mühlenhaupt: Naja, also da warn wir drei, also der Wolfgang Schnell und der Günter Bruno Fuchs, und ick war ja ooch noch da. Warn wa also drei Mann.
Und da kann man schon sagen, hier begegneten sich - wie soll ich sagen, - Könige. Ja, dit verstehst Du jetzt?! Vielleicht nich in Richtichkeit.
Propp: Ick gloob schon, dass
ick dit verstehe.
M.:
Aber so von der Stärke, so von der Kraft -
jeder 'M von uns war ne starke Persönlichkeit. Wenngleich ick damals noch janich da war. Die
beiden könn' es nur jeahnt ham, wenn se ma für richtig voll nahmen damals.
P.: Hätten Sie sich da nich eigentlich streiten müssen?
M.:
Wir hätten uns müssen nich streiten, sondern
- das war ja ooch schwierig, miteinander auszukommen oder miteinander zu leben
-, aber streiten konnten wir uns nie. Wir ham uns geliebt - eher. Aber jeder
war für sich ne starke Persönlichkeit. Wenn jemand nich ganz so stark war, etwa wie die Rixdorfer
Drucker – sie war'n ja einfach noch jünger -, die wurden von ihm verspeist. Die
mussten sich lösen von ihm. Das konnten.
nie Freunde werden, nie in dem Sinne.
P.: Also ham die nich jenuch
erzählen können oder wat?
M.:
Nee, der Günter Bruno is - det nich, der is aber
trotzdem zu stark, er erdrückt sie, er spielt se an
die Wand, ne?
P.: Ich denk, der war son
Gemütsmensch - unheimlich sensibel und so?
M.:
Sensibel war er nur mit'm Tanzen, da war er graziös.
Bei seinem Gewicht! Da war er sehr sensibel. Aber wenn er denn gebrüllt hatte, dann hat er gebrüllt, dat du losjerannt
bist! Da sind alle uff eemal losjerannt, weil er jebrüllt hatte. Er war'n Brüllaffe.
Günter Bruno der war'n Mensch, der drei Wochen lang, vier Wochen lang
hart gearbeitet hat.
P.: Ja?
M.: Er hat weder jetrunken,
noch sonstwat. – Und dann brauchte er Freunde, und die Freunde, die er dann
brauchte, die hat er sich jesucht und gefunden.
Ick
war, wenn er denn keene fand, - eh - ich hatte nich immer die Zeit, da mit ihm
rumzuhampeln, - aber wenn er geruft hatte, da war ick ooch für ihn da. Wenn ick ihn jerufen hab, war er ooch da. Denn hat er alles
liegen lassen.
P.: Hat ihm dit Arbeiten
ooch Spaß jemacht?
M.: Dit hat ihm Spaß jemacht, und er ließ sich abschirmen, er ließ sich nich stören, nich ma von sein'
besten Freunden. Er ließ sich von keinem stören. Seine Mutter, die hat ihn abjeschirmt. Se hat ihm Marmelade,
Gelee und ooch allet, wat falsch is jejeben - also eigentlich war't völlig falsch. Diese Mutterliebe war falsch, so gut se jemeint war. Der
kam nie weg von seine Mutter, weil er von seine Marmeladenstulle oder von sein
Bepaddeln nich loskam. Der is immer 'n Muttersöhnchen
jeblieben.
So'n
starker Mensch wie dit war, der hat ooch nich sich selber helfen können, ne? Das is immer so bei sonen ganz starken großen Leuten: die könn' sich nich selbst
helfen.
P.: Sie hat ihn ja ooch noch
am meisten machen lassen. Also die, die anderen Frauen, mit denen is er ja nich
zurecht jekommen.
M.: Nee -, der war auch mit den
Frauen -, also der is ooch mit den Frauen zurecht jekommen, aber - der kann überhaupt mit keener Frau leben, weil er se uffbrauchen würde. Ne Frau hat keene Selbständigkeit bei ihm jehabt.
Ooch 'n Freund nich -, ooch da jing dit nich.
P.: